Theo van Goghs Das Interview am WBT in Münster

Szene aus der Theateradaption Das Interview am WBT in Münster

Szene aus der Theateradaption Das Interview am WBT in Münster (Photo: Presse WBT)

Und wer ist jetzt der Sieger?“. Der Journalist schweigt. “Den Tod kann man nicht besiegen” antwortet er. Der Schlagabtausch zwischen Interviewer und Interviewten bringt am Ende keinen Sieger hervor. Die vermeintlichen Gewinner stehen nicht auf der Bühne, sie sitzen im Publikum. Es sind die Zuschauer. Auch in Münster. Auch an diesem Abend. Diejenigen Theaterbesucher, die die Qualität der Leistungen erkannt haben und begeistert eine weitere hervorragende Meinhard Zanger Inszenierung mit lang anhaltendem Applaus goutieren.

Zum wiederholten Male war es dem Regisseur und Intendanten des Wolfgang Borchert Theaters in Münster gelungen, eine Inszenierung mit den richtigen, passenden Darstellern zu besetzten. In diesem Fall für die zur Zeit in NRW sehr beliebte Adaption des Theo van Gogh Films “Das Interview”. Sabrina vor der Sielhorst gibt beeindruckend facettenreich die junge Schauspielhoffnung Katja, die an einem für sie sehr unpassenden Abend einem Journalisten ein Interview geben muss. Vor ihrer Haustür wartet bereits der renommierte Politik-Journalist Pierre Peters (souverän: der Berliner Theater-, Fernseh- und Film-Schauspieler Henning Kober), der als Ersatzmann dem gefeierten, jungen Soap-Star, ein paar Fragen stellen muss, weil der Kulturredakteur erkrankt ist. Zwischen den beiden entwickelt sich im Laufe der knapp zwei Stunden ein ebenso prickelnder wie spannender Schlagabtausch, den man sich noch in zahlreichen Aufführungen bis zum 30.04. im WBT in Münster anschauen sollte. Eine tolle Leistung von allen Beteiligten.

Mein Filmtipp: Julie Bertucellis “The Tree”

Familie O`Neil auf dem Baum. Szene aus dem Film The Tree

Familienphoto Szene aus dem Film The Tree (Bild: Pandora Film)

Life is a force of nature. Wenn es um Tod und Trauerbewältigung in Spielfilmen geht, bedarf es eines zurückhaltenden Gestus. Zu viele Regisseure tappen allzu gerne in die Esoterik-Kitsch-Falle. Zuletzt der große Peter Jackson mit seinem Flop “The Lovely Bones“ (2009) oder einige Jahre zuvor Vincent Ward mit seinem Rührstück “What Dreams may come” (Hinter dem Horizont, 1998). Für ihren zweiten Spielfilm hat sich die Französin Julie Bertucelli ausgerechnet den Judy Pascoe Bestseller “Our Father who Art in the Tree”, der auf Deutsch den banalen Titel “Erzähl mir, großer Baum” trägt, ausgesucht. Es ist die Erzählung einer Achtjährigen, die den Tod ihres Vaters betrauert. Eine mutige Wahl. Schließlich liegt die Gefahr, auch hier unter der Last der Symbolik zu zerbrechen oder unter einem animistischen Furor zwischen Pathos, Fantasy und Kinderaugen-Kitsch den Faden zu verlieren auf der Hand. Siehe Peter Jackson, Vincent Ward und Co.

Hätte, wäre, wenn ….. So viel darf man vorweg nehmen: Nichts dergleichen passiert. Mit beachtlicher Reife und der hervorragenden Charlotte Gainsbourg an ihrer Seite findet Julie Bertucelli den richtigen Grat zwischen Trauerdrama und Kinderphantasie. Die Adaption des Bestsellers gelingt. Auch, weil sie der Erzählung von Judy Pascoe, die mit ihr zusammen das Drehbuch zum Film schrieb, eine weitere Perspektive hinzufügt. Die Französin erzählt die Geschichte der Familie O´Neil in Australien nicht nur aus Sicht der achtjährigen Simone (großartig: Morgan Davies), sondern auch aus Sicht der Mutter. Es wäre demnach dumm, diesen Film als Kinderfilm zu bezeichnen.

In der Eröffnung lernt man zunächst den liebevollen Vater O´Neil (überzeugend: Aden Young) kennen, der als Transportunternehmer durch das große Land reist. Die insgesamt sechsköpfige Familie besitzt ein wunderschönes Haus an einem Hang in Queensland. Simone, zweitjüngster Spross der glücklichen Eltern Dawn (Charlotte Gainsbourg) und Peter ist eine aufgeweckte Achtjährige und der ganze Stolz des fürsorglichen Vaters. Als dieser durch einen Herzinfarkt den Tod über die Familie bringt, setzt bei allen eine Schockstarre ein, die Simone und ihren jüngsten Bruder besonders hart trifft.

Doch Simone ist davon überzeugt, dass ihr Vater in dem mächtigen Feigenbaum vor ihrem Haus weiterlebt und über die Familie wacht. Der Baum wird mehr und mehr ihr Zufluchtsort. Als sich mehrere Monate später zwischen Mutter Dawn und ihrem neuen Arbeitgeber George (Marton Csokas) eine wachsende Nähe entwickelt und der Baum zum Problem wird, setzt Simone alles daran, um den großen Feigenbaum und die Familie zu retten. Ganz zum Ärger ihrer Mutter, die ihre neue Liebe nicht verstimmen will.

Mutter Dawn und achtjaehrige Tochter Simone

Simone und Mutter Dawn O´Neil, Szene aus The Tree (Bild: Pandora Film)

Weniger talentierte Regisseure hätten aus diesem Bestseller einen mittelmäßigen Kinder-Fantasy-Eso-Film gemacht. Doch Julie Bertucellis Adaption widersteht diesen Gefahren und bleibt mit ihrer behutsamen Schauspielführung bemerkenswert realistisch und psychologisch sehr komplex in der Gleichzeitigkeit von Verarbeitung und Verdrängung. Die Entscheidung, ob tatsächlich ein Geist im beeindruckend majestätischen Feigenbaum wohnt, überlässt Bertucelli dem Betrachter. Sie findet die richtige Distance und auch die richtige Balance sowie verstörend schöne Bilder. Ein beeindruckender Film für die ganze Familie.

“The Green Wave”, eine Doku im Zeitalter der Sozialen Netzwerke

Filmszene aus The Green Wave von Ali Samadi Ahadi

Szene aus The Green Wave von Ali Samadi Ahadi (Photo: Camino Filmverleih)

Als der iranische Regisseur Ali Samadi Ahadi, der in Deutschland aufgewachsen ist, im August 2009 seine Komödie “Salami Aleikum” vorstellte, hatte sich in seinem Heimatland der beim Volk unbeliebte konservative Populist Mahmud Ahmadineschad für weitere Jahre im Amt bestätigen lassen. In zahlreichen Interviews spürte man die Sorgen des sympathischen Filmemachers über die möglichen Folgen dieser Wahlfälschungen. Seine Sorgen galten vor allem den Symathisanten der Gegner von Ahmadineschad. Und diese Sorgen waren berechtig, wie sein neuer Film beweist.

Aktueller denn je, vor dem Hintergrund der Aufstände in der nordafrikanischen Welt (Tunesien, Ägypten etc), bringt Ali Samadi Ahadi passend dazu einen Film über die Entwicklungen der so genannten “grünen Revolution” in die Kinos, die mit den Wahl-Veranstaltungen der Ahmadinedschad-Gegner ihren Anfang nahm und bis heute andauert. Stellvertretend für die vielen Demonstranten hat sich Ahadi für zwei junge Protagonisten entschieden, die in einer gezeichneten Live-Atmosphäre, unterstützt von Live-Aufnahmen, die Vorgänge im Iran des Sommers 2009 nacherzählen. Der Regisseur ist am Samstag, 26.02.2001 im Cinema in Münster zu Gast. Auf der Seite mehrfilm.de findest Du die komplette Kritik zum Film und kannst auch vier Freikarten für die Vorführung mit Besuch des Regisseurs gewinnen.

Filmtipp: Das Debüt des 19jährigen Kanadiers Xavier Dolan – `I killed my mother`

Szene aus dem Film `I killed my mother´ (Photo: Kool Filmverleih)

Szene aus dem Film `I killed my mother´ (Photo: Kool Filmverleih)

Ein kurzer Rückblick. Dass die Münsteraner außerordentliche Filmfreunde sind, ist weit über die Stadtgrenzen bekannt. Im jährlichen Ranking zu den häufigsten Kinobesuchen je Einwohner ist Münster nicht nur stets in den Top-Ten zu finden, sondern bietet mit den jährlich preisgekrönten Programmkinos, dem Filmclub und der Filmwerkstatt zahlreiche Anlaufstellen für Cineasten. So waren die Veranstalter des Kurzfilmwettbewerbs “Münster Shorts”, der zum 10jährigen Bestehen des CINEPLEX Münster im November 2010 initiiert wurde, nicht erstaunt, dass sich die Filmfans der Region als äußerst kreative Filmemacher erwiesen. Ca. zwanzig beeindruckende Filmbeiträge waren bei der Präsentation des Kurzfilmwettbewerbs zu sehen, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Von den Skateboard- oder Parcours-Aufnahmen einiger Schüler, geschnitten mit der systemkompatiblen Windows-Software MovieMaker, bis zum professionellen Trickfilm zweier Filmhochschüler reichte die kreative Bandbreite. Und die Qualität der Kurzfilme konnte sich durchaus sehen lassen.

Aber was hat das mit Xavier Dolans Spielfilmdebüt zu tun? Gerade einmal 19 Jahre alt war der junge Kanadier, als er mit dem kleinen Independent-Coming-of-Age-Film sein Regiedebüt produzierte und inszenierte sowie auch gleich selbst die Hauptrolle darin übernahm. Dass seine kanadische Kleinproduktion in Deutschland überhaupt im Kino zu sehen ist und vom exzellenten Verleih Kool verliehen wird, hat gewiss etwas mit den Auszeichnungen auf eben so einem Festival zu tun. Oder vielmehr auf den diversen Festivals. Denn natürlich waren es mehrere und diese ein kleinwenig größer und internationaler als das in Münster. Gleich mit seinem Debütfilm errang Xavier Dolan, der aus einer Schauspielerfamilie kommt, zahlreiche Preise, wie in Cannes den Prix Regard Jeunes oder den Lumière-Preis in Paris. Kein Wunder also, dass im Presseheft von I Killed My Mother von einem „Wunderkind“ die Rede ist.

Dies ist sein Buch, es ist sein Film und sein Leben. Das Buch zu seiner Geschichte schrieb er mit 16, vollendete es mit 17, den Film drehte er mit 19. Und wer sich allein die ersten Szenen, ein Zwiegespräch mit der Mutter (Anne Dorval) im Auto anschaut, wird staunen über dieses kleine Meisterwerk. In seinem halb-biografischen Beziehungsporträt inszeniert der Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller Xavier Dolan seinen persönlichen Familienkonflikt als herausforderndes Pubertätsdrama. Der 17-jährige Hubert (Xavier Dolan) verabscheut seine Mutter für ihre Geschmacklosigkeit, ihr Unverständnis, ihre Käsereste am Mund (in Großaufnahme!) und aus vielen anderen Gründen, aus denen ein pubertierender Jugendlicher seine Eltern ablehnt. Und doch, irgendwie liebt Hubert seine Mutter auch, die ihn, seit der Vater früh die Familie verlassen hat, alleine groß zieht. Sein Traum ist es, mit seinem Freund Antonin ein Künstlerleben zu führen. Doch seine Mutter hat andere Pläne. Sie steckt ihn in ein Internat.

Ein deutliches Zeichen, wie weit Mutter und Sohn voneinander entfernt sind, ist zum einen der Zeitpunkt, wann und von wem Huberts Mutter Chantal von der Homosexualität ihres Sohnes erfährt. Die Mutter des Freundes Antonin spricht Chantal (mit beeindruckenden Nehmerqualitäten: Anne Dorval) auf die Beziehung ihrer Söhne an, was Chantal erschüttert. Die Liebesbeziehung Huberts zu seinem Freund Antonin inszeniert Dolan erfrischend unkompliziert und als etwas vollkommen Selbstverständliches. Selten hat man eine junge homosexuelle Beziehung so ehrlich, unverkrampft aber auch so offen nackt auf der Leinwand gesehen.

Das zweite signifikante Alarmsignal der gestörten Mutter-Kind Beziehung ist die Verleugnung Huberts seiner Mutter vor der eigenen Klasse, als er seine Mutter kurzerhand für tot erklärt. Durch diese Szene wird auch Dolans Verneigung vor einem anderen Debütfilm deutlich, der bei seinem Debüt Pate stand. Zusammen mit einem Filmplakat im Zimmer seines Freundes Antonin und durch die Schlussszene am Meer verneigt sich Xavier Dolan tief vor François Truffauts und seinem Debüt “Sie küssten und sie schlugen ihn” (Les 400 Coups, 1959).

Abgesehen vom Alter des Drehbuchautors und Regisseurs erstaunt vor allem die Reife, mit der diese Coming-of-Age Konflikte zwischen Mutter und Sohn und auch zwischen Schüler mit seiner gleichgeschlechtlichen Jugendliebe inszeniert werden. Denn nicht nur mit der rebellischen Kraft der Jugend und der eigenen Bildsprache (warme und kalte Farben) mit der er die Nähe und die Distanz zu den Figuren interpretiert sondern auch mit einer gehörigen Portion Arroganz und Selbstverliebtheit erzählt Dolan wie ein alter Regie-Hase von den ambivalenten Gefühlen eines Heranwachsenden. Nach dieser atemberaubenden Tour de Force bedarf es am Ende nur einer kleinen Einstellung, um Huberts oder vielmehr Xavier Dolans Innenleben zu spiegeln. Wie bei Truffaut endet die Geschichte am Meer. Doch der Regisseur der Vorlage war bei seinem Debüt bereits 28. Herausragend.

Mehr über den Film findest Du auf der Filmhomepage zu “I killed my mother”.