Als ich mich schämte, Fan des SC Preussen Münster zu sein

Stadion Preussen Münster 2016. Bild (c) C.Gertz.

Stadion Preussen Münster 2016. Bild (c) C.Gertz.

Münster, Hammer Straße. Samstagmittag 14 Uhr. Ich bin im Fußballstadion. Und das nicht zum ersten Mal. Meine Liebe zum SC Preussen Münster entflammte bereits in den so genannten “Nuller-Jahren”. Oder auch in den “Schwarzen Jahren” für das Bundesliga-Gründungsmitglied. Damals noch Vierte Liga. Besucherschnitt knapp über 4.000. Das ist lange her. Nach etlichen Stadionbesuchen in den Blöcken E, K, L und M wurde meine Liebe stärker. Von meiner Videoberichterstattung für den Verein über zahlreiche Texte in diesem Blog, etlichen Auswärtsfahrten bis hin zu Einladungen im Freundeskreis wollte ich die Flamme weiter tragen. Niemals laut und euphorisch, aber immer begeistert und begeisternd, in Essen, in Lotte, in Leverkusen, Osnabrück und sogar in Verl oder in Dresden. Mit meinen Freunden, zum Großteil weit über die Stadtgrenzen hinaus verteilt, wurden Ergebnisse und Interna ausgetauscht und kommentiert. Stets mit einer gesunden Portion Lokalpatriotismus und in meinem Fall mit dem Preussen-Adler auf dem T-Shirt, der Jacke und vor allem im Herzen. Auch auswärts.

Mit dem Adler auf der Brust oder auf der Jacke bin ich bis auf wenige Sprüche und Rempler andernorts in den Stadien noch nie angemacht worden. Geschweige denn angegriffen. Toleranz hatte funktioniert. Auch in der emotional aufgeheizten Atmosphäre eines Fußballstadions. Wenn man sich dementsprechend verhält. Das durfte ich selbst erfahren und sollte auch heute funktionieren. Dachte ich. Was war passiert? Nach einem knapp zweijährigen Aufenthalt im Rheinland bin ich an diesem Samstag im Mai erst zum dritten Mal in 2016 im Preussen-Stadion. Das Wetter ist super, die Fans strömen, der Block N der so genannten Ultra-Fans aber ist und bleibt menschenleer. Die Pyrotechniker mussten Zuhause bleiben. Die Hintergründe darüber wurden bereits vielfach und vielerorts diskutiert. Selbst “Ab-und-Zu-Edel-Fans” hatten sich dazu geäußert.

Doch meiner – ich nenne es bewusst – Naivität, meinem verklärten Blick, wird an diesem sonnigen Samstag brutal der Schleier genommen. Nach einem gemeinsamen Besuch im wunderschönen Stadion in Dresden im letzten Jahr hatte ich meinen Dresdener Freund Hanno nach Münster eingeladen. Natürlich inklusive Stadionbesuch zum Spiel gegen “seinen” Dynamo. “Kann ich meinen Dynamo-Schal mitbringen?” fragt mich Hanno bei seiner Ankunft. Auch weil er – wie ich in den vielen Jahren zuvor – die Liebe zum eigenen Verein auch auswärts nicht verstecken möchte. Hanno hat Eier. Aber ich weiß, dass er alles andere als ein “Schreihals” ist. Zudem verfügt mein Freund, Diplomingenieur und Familienvater, über so viel Intelligenz und Fingerspitzengefühl, dass er weder an den falschen Stellen applaudiert noch sonstwie als Gast mit seinem Verhalten provoziert. Schlimm, dass ich das an dieser Stelle überhaupt erwähnen muss.

Zu Beginn noch guter Dinge ... im Preussen Stadion.

Zu Beginn noch guter Dinge … im Preussen Stadion.

Preußen Münster steht für Toleranz, Fairness und Respekt” antworte ich Hanno. Das steht sogar in großen Lettern auf jeder Eintrittskarte geschrieben. Damit wird bei uns also geworben. Zudem sollten die schlimmsten Provokateure an diesem Tag Zuhause sein. Es ist das letzte Heimspiel der Saison. Also “ja, wenn es Dir damit nicht zu warm wird, dann sollte das schon klappen“. Falsch gedacht. Hanno trägt seinen Schal zu Beginn zusammengeknüllt in der Hand. Bereits kurz nach dem Eintritt ins Stadion werden wir von einem unscheinbar aussehenden, jungen Preussen-Fan aufgefordert, doch bitte NICHT mit einem Schal des Gegners den Fanblock M zu betreten. “Kein Problem” erwidern wir, “wir haben Karten für die Gegengerade“.

Ich wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, dass ein Online-Artikel der Münsterschen-Zeitung über das Fehlverhalten einiger Dresdener “Fans” sowie ein zutiefst doofer Kommentar von einem Redakteur auf Radio Antenne Münster die Stimmung im Stadion angeheizt hatte. Kopfschütteln. Noch vor Spielbeginn werden wir am Imbissstand von einem älteren Preussen-Fan bespuckt. Hanno befestigt daraufhin seinen Schal am Hosenbund. In Block K beklatschen wir beide Mannschaften als sie auf das Feld laufen und klatschen gemeinsam, als verdiente Spieler verabschiedet werden. Ein älteres Ehepaar aus Dresden, das in unmittelbarer Nähe steht, berichtet uns, dass sie sich bei Auswärtsspielen stets einen Schal der Heimmannschaft zulegen. So weit ist es also schon gekommen.

Die Stimmung ist ohne die Anfeuerungsrufe aus Block N im Preussen-Stadion unterkühlt. Trotz 25 Grad Außentemperatur. Die beste Laune geht nach dem Anpfiff von den etwa 300 angereisten Gäste-Fans aus. Das Rund an der Hammer Straße ist an diesem Samstag mit über 8.400 Zuschauern gut besucht. Als jedoch die ersten beiden Tore für Dresden fallen, wirken viele Preussen-“Fans” genervt. Auch auf der Gegengeraden, in Block K, in dem wir stehen. Ein männlicher, äußerst agressiver Fan in Preussen-Kutte entdeckt von Weitem Hannos schwarz-gelben Schal, stürmt auf ihn zu, schlägt ihm auf die Schulter und zwingt ihn, sofort das Stadion zu verlassen. Ich stelle mich dazwischen und frage ihn, ob so in Münster die Gäste begrüßt werden.

Hanno lässt seinen Schal in der Hosentasche verschwinden. Doch da hat sich sein “Outing” als Gast-Supporter anscheinend längst herumgesprochen. Als das dritte Tor für die Gäste fällt, die zu diesem Zeitpunkt als Meister längst feststehen, setzen sich die ersten Preussen-Fans auf den Grenzzaun zum Gästeblock und fangen an, die Dresdener Fans zu provozieren. Von ausgestreckten Mittelfingern über vulgäre Gesten bis hin zu Schmähgesängen reicht das Repertoir der zumeist jungen Preussen-Anhänger. Ein weiterer, sehr junger Preussen-Fan stürmt auf Hanno zu, mit zwei Freunden im Schlepptau. Sein Alter schätze ich auf 18, maximal 22 Jahre. Er fordert Hanno auf, das Stadion zu verlassen, Drohgebärden inklusive. Die umstehenden, meist älteren Preussen-Fans sehen tatenlos den jungen Hasstiraden zu und schauen uns verdutzt an. Ich schäme mich und bin zutiefst geschockt.

Als Fußballfan kenne ich mit mit Hassgesängen im Stadion aus. Oftmals finde ich sie sogar sehr kreativ. Und auch ich wurde in fremden Stadien schon mehrmals verbal angemacht. Jedoch nie verletztend oder gar persönlich beleidigend. Das Niveau, das in Münster in Punkto Kreativität zugegeben nie besonders hoch war, hat an diesem Samstag im Preussen-Stadion einen neuen Tiefpunkt erreicht. Nach dem zweiten tätlichen Angriff treten Hanno und ich den Heimweg an. Zu diesem Zeitpunkt sind noch knapp 20 Minuten zu spielen. Die letzten beiden Preussen-Tore bekommen wir garnicht mehr mit. Ich entschuldige mich mehrmals bei meinem Freund und schäme mich sehr. So ein Verhalten habe ich in über 300 Stadionbesuchen in ganz Deutschland noch nicht erlebt. Aber jetzt, ausgerechnet “Zuhause”. Im eigenen Stadion. Tätliche Angriffe auf Gäste der Gegengerade und Beleidungen der übelsten Art gehen garnicht. Da ist eine Grenze weit überschritten.

Hanno und ich schauen uns noch den Rest der Bundesliga-Konferenzen im TV an, wir versuchen, das Geschehen mit einem Spaziergang am Aasee ein wenig sacken zu lassen, gehen anschließend zusammen noch etwas essen. Ich versuche, mir den Schock nicht anmerken zu lassen. Doch ich bin immer noch sauer. Verärgert über mich selbst, über meine Naivität, über die Münsteraner Gastfreundschaft im Fußballstadion und über “meine” Preussen. Am nächsten Tag lese ich in den Online-Medien Sätze zum Spiel wie “Bierdose flog in Richtung Polizeibeamtin” oder “Fan kommt einem Platzverweiß nicht nach.” Schlimm, Schlimm. Und irgendwo taucht im Text später dann auch “Insgesamt herrschte jedoch eine eher friedliche Stimmung” auf. In den Sozialen Netzwerken müssen “Bekannte”, die nicht im Stadion waren, den Zustand der kurzzeitig gesperrten Zufahrtswege kommentieren und ja, die dummen Sachsen und sowieso … Ein Armutszeugnis.

Gastfreundschaft endet bei einigen “Fans” in Münster, der ach so toleranten, jungen, katholischen Westfalenmetropole scheinbar dort, wo übertriebene Fankultur beginnt. Wenn das schon im Mikrokosmos Stadion über 90 Minuten nicht funktioniert, wie soll das dann im Großen und Ganzen funktionieren? Soziale Netzwerke mit eingeschlossen? Der Stadionbesuch in Münster an der Hammer Straße ist für meinen Freund und auch für mich in Zukunft erst einmal Tabu. Das ist bedauerlich, zumal ich weitere Stadionbesuche auch zusammen mit meinem Sohn geplant hatte. Nur, wie soll ich meinem Sohn Toleranz, Fairness und Respekt vermitteln, wie es auf den Eintrittskarten der Preussen geschrieben steht, wenn bereits zurückhaltende Gästefans im Stadion bespuckt und angegriffen werden? Da hilft nur eins: Nicht (mehr) bei den Preussen.

Quo vadis 2012/2013, SC Preussen Münster?

Spielszene SC Preussen Münster14 Spiele, 29 Punkte, Tabellenplatz 1 in der dritten Liga. Und das in der zweiten Saison nach dem Aufstieg. Wer hätte das zu Beginn dieser Saison gedacht? Vor allem nach den Vereins-internen Querelen zu Beginn des Jahres? Sicher nicht einmal die optimistischsten Fans des SC Preussen Münster. Zufall? Glück? Wie ist der hervorragende Tabellenplatz der Preussen einzuordnen? Alles nur ein Höhenflug? Der Turbo der Aufstiegseuphorie? Oder reicht es am Ende gar für den Aufstieg in die zweithöchste deutsche Spielklasse? Will man ehemaligen Leistungsträgern wie beispielsweise Stürmerstar Sercan Güvenisik Glauben schenken (siehe Twitter-Meldung, unten rechts) oder den zahlreichen “Edel-Supportern” (u.a. Ex-Handelsblatt Mitarbeiter Thomas Knüwer) dann ist das Thema Aufstieg kein Hirngespinst mehr. Bisher halten sich jedoch die Verantwortlichen mit Formulierungen rund um das Thema zurück.

Twitter Statement Sercan Güvenisik zum SC Preussen MünsterWer das Spiel gegen die ähnlich starken Kickers aus Offenbach (zuletzt neun Mal ungeschlagen!) am Samstag im Stadion an der Hammer Straße gesehen hat, der war zunächst erzürnt ob der Leistungen des schwachen Schiedsrichters, der den Preussen die drei möglichen und verdienten Punkte mit einem unberechtigten Handelfmeter aus den Händen gerissen hatte. Später jedoch durfte man als Fan sehr zufrieden sein von der Leistungsbereitschaft der Adlerträger, die Marschroute des Trainers perfekt umgesetzt zu haben. Das Vorhaben des Tabellenführers, Freistöße in der eigenen Hälfte aufgrund der Standard-Stärke der Offenbacher zu vermeiden, ging zwar nicht immer auf, aber die baumlangen Gegner fanden im Großen und Ganzen nur selten den Weg in die Strafraumnähe der Preußen.

Nach dieser starken Leistung, vor allem nach dem Gegentreffer, will ich mich mittlerweile einreihen in die Riege der oben genannten Optimisten, die das Thema Aufstieg bisher  öffentlich in den Mund genommen haben. Warum? Das Mannschaftsgefüge der Preußen aus älteren und jüngeren Spielern scheint perfekt zu harmonieren. Taktisch clevere Aufstellungen wie beim 4:0-Sieg gegen den Aufstiegs-Mitkonkurrenten aus Bielef… oder das starke 5:2 Zuhause nach einem Rückstand gegen die “Kogge” aus Hansa Rostock sprechen zudem für eine funktionierende Bindung zwischen Mannschaft und Trainer Pavel Dotchev. Überhaupt scheint der offensiv ausgerichtete Stil des Trainers (nach Erfolgen mit Paderborn) auch in Münster zu funktionieren. Dafür dürften nicht zuletzt die starken Leistungen der Offensiv-Kräfte Amaury Bischoff (5 Tore) und vor allem Matthew Taylor (9 Tore) verantwortlich zeichnen.

Gibt es jetzt in der entscheidenden Phase (mit DFB-Pokal Spiel gegen Augsburg und den Liga-Spielen gegen Karlsruhe und Chemnitz) keinen Einbuch, bleiben die Leistungsträger Torwart Daniel Masuch, Kapitän Kühne, Patrick Kirsch, Jens Truckenbrod und vor allem Matthew Taylor gesund, funktioniert die Korrespondenz zwischen Mannschaft und Trainer weiterhin so reibungslos, wird der SC Preußen Münster in der nächsten Saison vielleicht in der zweiten Fußball-Bundesliga spielen. Das wäre eine Ding! Aber zunächst steht nicht nur das schwere Spiel gegen die Bundesligisten aus Augsburg auf dem Programm. Wieder so ein möglicher Wendepunkt in der immer rosiger strahlenden Historie des SCP. Ich drück´ jetzt schon einmal die Daumen!

Und weil es so schön war, die Fans beim DFB-Pokalsieg über den SV Werder Bremen:

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Wieder einmal Chaos beim SC Preussen Münster

Screenshot Voting Marc FascherWas ist da eigentlich wieder los, fragt sich der Fußballfan des SC Preußen Münster in diesen Tagen. Alles schien doch in bester Ordnung zu sein? Ein neuer Trainer, beliebt bei den Fans, führt eine neu zusammengewürfelte Truppe in die nächst höhere Spielklasse. Ein Vorstand feiert, der Verein feiert, eine Stadt feiert. Niieee meeehr vierte Liga! Und damit nicht genug klettert diese Truppe, angeführt von einem gewieften Taktiker, die Tabelle in der dritthöchsten Spielklasse hinauf bis auf Platz 8. 32 Siege, 20 Remis und 15 Niederlagen in 67 Spielen. Als Aufsteiger. Winterpause. Nur wenig später dann das Unvorstellbare: Die Aufstiegseuphorie ist längst verflogen, der Trainer wird nach dem ersten Spiel in der Rückrunde von seinen Aufgaben entbunden. Er hatte sich zuvor bei seinen Fans bedankt. Am 12. Januar hatte Marc Fascher, so der Name des Erfolgstrainers, seinen Abschied zum Ende der Saison verkündet. Nur 11 Tage später wird er entlassen.

Aufhören, dann, wenn es am schönsten ist. Hatte er das noch in der Winterpause gedacht? Nein, so einfach ist es nicht. So einfach kann es sich ein Trainer nicht machen, dem die meisten (Spieler-)Wünsche zuvor von den Augen abgelesen wurden. Wer den Hanseaten Marc Fascher kennt – und ich hatte das Vergnügen, den sympathischen Trainer in der Zeit vor, während und kurz nach dem Aufstieg in die dritte Liga einige Male interviewen zu dürfen, – der weiß, dass Herr Fascher zu seinem Wort steht. Also muss der Bruch mit dem Verein andere Ursachen haben. Die langjährigen Fans, die in zahlreichen Foren ihren Unmut über die angebliche “Flucht” des Trainers freien Lauf ließen, hatten den oder vielmehr die Verantwortlichen für diese Entscheidung längst ausgemacht: den Vorstand. Das Verhältnis zu Sportvorstand Carsten Gockel, Faschers erstem Ansprechpartner, war seit Wochen gestört. So hieß es aus engen Kreisen der Fanklub-Szene. Und auch das Verhältnis zum Vereinsvorstand, besonders zu den Personen Thomas Bäumer, dem mächtigen Aufsichtsratsvorsitzenden und Dr. Marco de Angelis, soll nicht das beste gewesen sein.

Nach der Posse um den nachweislich professionell arbeitenden, ehemaligen Trainer des SCP, Roger Schmidt (jetzt erfolgreich mit dem SC Paderborn, Platz 5 in der zweiten Liga) im letzten Jahr, wurde erneut ein von den Fans geliebter Trainer vom Vorstand geschasst. Da fragt sich doch der Fußballfan, ob man in Münster überhaupt als Trainer in Ruhe arbeiten kann? Meine Antwort auf diese Frage nach einigen Erfahrungen mit allen Beteiligten ist: Eine produktive Zusammenarbeit mit dem Vorstand ist in dieser Zusammensetzung in Münster anscheinend nicht möglich. Und wenn sich in nächster Zeit auch auf Seiten des Vorstandes keine Veränderungen ergeben, hat der SCP einen großen Fan verloren. Da passt es hervorragend ins Bild, dass der Vorstand ein lange geplantes Treffen mit den eigenen Fans für den kommenden Dienstag kurzerhand abgesagt hat. Krisenbewältigung sieht anders aus. Mit großer Sicherheit werden in nächster Zeit weitere Fans ihren Unmut (leider) auch auf anderem Wege Luft machen wollen. Dem neuen Trainer sollte man viel Glück und vor allem viel mehr Selbstbewusstsein wünschen.

P.S.: Nachtrag (24.01.) Der neue Trainer heißt Pavel Dotchev. Mit ihm wurde bereits am vergangenen Sonntag verhandelt. Ein Tag vor der Entlassung des Trainers Marc Fascher. Willkommen in Münster!

Quo Vadis, SC Preussen Münster?

Marc Fascher, Trainer des SCP

Foto: SC Preussen Münster

Angesprochen auf die gute Frühform ihrer Mannschaft zu Beginn einer Saison reagieren Fußballer, Trainer und Verantwortliche oftmals sehr reserviert bis hin zu verärgert. Fragen wie “Führt der Weg zur Meisterschaft nur über..” oder “Ist die gute Form der Mannschaft nicht beängstigend?” werden nicht selten mit schroffen Kommentaren wie “Ach, ihr von den Medien..” oder “Den wievielten Spieltag haben wir heute?” quittiert. Und mit was? Mit Recht. Vor, während oder nach den ersten fünf Spieltagen einen möglichen Saisonausklang herbeizureden, dürfte wohl nur den unerfahrensten Sportkommentatoren passieren. Im Fernsehen arbeiten diese “KollegInnen” nicht selten für die Sendergruppe RTL und in Münster für die Münstersche Zeitung.

Trainer Marc Fascher vom Aufsteiger SC Preußen Münster reagiert auf solche oder ähnliche Fragen sehr gelassen. Das kann er auch.

Fußballstadion Osnabrück

Osnabrück gegen den SCP. (Foto: C. Gertz)

Der SCP liegt nach dem zehnten Spieltag in der dritten Liga auf dem fünften Tabellenplatz. Eine Überraschung? Nicht für Fascher. “Wenn wir als Mannschaft funktionieren, dann haben wir gegen jeden Gegner eine Chance“, lautet Faschers zentrale These. Ich bin da nicht so euphorisch. Vor allem die Begegnung in Osnabrück hat gezeigt, dass die Mannschaft in Drucksituationen sehr verhalten, ja geradezu ängstlich reagiert. Und die richtig schweren Gegner kommen erst noch. Spielte die Mannschaft zu Beginn der Saison vielleicht weit über ihrem Niveau? Das werden die nächsten Begegnungen zeigen.

Das große Glück der Preußen in dieser Saison 2011/2012 ist, dass die Liga sehr ausgeglichen ist. Bleibt zu hoffen, dass Spitzenkräfte wie Güvenisik, Patrick Kirsch, Clement Halet oder Ornatelli weitestgehend von Karten verschont und gesund bleiben. Dann können sie sich vielleicht wirklich im oberen Drittel der Tabelle behaupten. Und erst dann wird man vielleicht einmal nachfragen dürfen, wohin die Reise am Ende gehen könnte.

 

Rückschlag im Titelkampf für den SC Preußen Münster

Tribuene Lotte Spiel gegen den SC Preussen Muenster 2011

Tribüne in der Solartechnics-Arena in Lotte (Photo: C.Gertz)

Lotte, durchschnittlich 364 Einwohner verlieren sich an der Grenze zu Niedersachsen auf einer Fläche von einem Quadratkilometer. Insgesamt beträgt die Bevölkerung des Ortes 13.720 Einwohner, inklusive derer aus den vier weit verstreuten Gemeinden. Lotte ist der kleinste Ort in der Regionalliga West. Regionalliga? Richtig. Sportlich sieht das Bild des Ortes am Autobahnkreuz nicht nach Dorfjugend aus. Durch finanzstarke Investoren hat sich der örtliche Fußballverein, der sich Sportfreunde Lotte nennt, im Laufe der letzten Jahre eine spielstarke Mannschaft zusammengekauft. Die Fluktuation ist hoch, es ist ein Kommen und Gehen, allein drei Neuzugänge kamen in der Winterpause 2010/2011. Im Mai 2011 soll der Aufstieg in die dritte Liga endlich klappen. Auch der Trainer ist hungrig. Maik Walpurgis heißt er. Ein Rotschopf, Ex-Trainer von Arminia Bielefeld, ein Spielfeldrandgestikulierer.

Ganz anders der härteste Konkurrent und Rivale der Spielzeit 2010/2011: Der SC Preußen Münster. Bundesligagründungsmitglied, 260.000 Einwohner-Stadt, davon 75.000 Studierende. Der Zuschauerschnitt im 15.000 Zuschauer fassenden Stadion am Berg Fidel in Münster: 4.500. Und in Lotte? Hier konnte der Schnitt in 2010 mit Mühen und zahlreichen Flyern auf 1.300 gesteigert werden. Sponsoren-Freikarten mitgezählt. Und ganz nebenbei, die Sponsoren in Lotte sind stolz über ihr Engagement bei den Sportfreunden. So stolz, dass sie es anhand überdimensionaler Werbe- und Firmenlogos auf einer 70 mal 6 Meter hohen Betonmauer direkt hinter dem Tor demonstrativ zur Schau stellen.

Sponsorenwand in der Solartechnics-Arena in Lotte

Sponsorenwand in der Solartechnics-Arena in Lotte (Bild: C. Gertz)

Das Aufeinandertreffen dieser unterschiedlichen Mannschaften aus diesen ungleichen Städten birgt Zündstoff. Jedes Jahr aufs Neue. So auch am 12 März 2011. Während die wenigen Fans und Sponsorengäste aus und in Lotte noch darüber rätselten, wie dieser neue Sponsor mit den blauen zusammenfaltbaren Pappfächern heißt, haben sich über 2.500 Gäste aus Münster bereits seit Minuten warm gesungen. Vorsichtig separiert, eingerahmt von einem mannstarken Polizeiaufgebot. „Barbra Streisand“ dröhnt es aus den Boxen, „Hey Jaa, Ess Cee Pee“ von der Gegengeraden. Ein Sieg über den “Dorfverein aus dem Norden” ist beim Favoriten aus Münster fest eingeplant. Selbst die blaubeschalten Fans der Sportfreunde glauben heute nicht an ein Wunder.

Doch der haushohe Favorit aus Münster gibt sich zu Beginn zurückhaltend. Das merken die Sportfreunde sofort. Mit kurzen Pässen wird die Vierer-Abwehrkette der Preußen gekonnt überlistet. Viel zu oft (8. und 13. Minute) tauchten die großen Stürmer aus Lotte gefährlich nah vor dem Tor von Preußentorwart David Buchholz auf. Was war los mit den Preußen? Die gefürchtete Offensiv-Power wollte nicht so recht zünden. Vor allem der erfahrene Dogan schien wie neben der Spur. Nicht die Preußen, die Sportfreunde aus Lotte bestachen fortan durch Leidenschaft und Biss. Vor allem waren sie viel aggressiver in den Zweikämpfen. “Das war der ausschlaggebende Punkt”, meinte ein enttäuschter SCP-Trainer Marc Fascher nach dem Schlusspfiff.

Jubel Feude Tor Lotte gegen Muenster Maerz 2011

Die Fuehrung der Lotteraner in der 49. Minute (Photo: C. Gertz)

Aggressivität in den Zweikämpfen hin oder her, die Preußen hatten es an diesem sonnigen Märzsamstag nicht verstanden, ihre spielerische Überlegenheit auszuspielen. Der Preußen-Offensivpower (mit zahlreichen hohen Bällen in die Spitze) wurde bereits am 16er durch die baumlangen Verteidiger aus Lotte der Wind aus den Segeln genommen. Frust machte sich breit. Und dieser übertrug sich auf die Ränge im Stadion. Der Stadionsprecher zitierte ein ums andere Mal die Polizei in den Zuschauerblock und versuchte, für Ruhe zu sorgen. Ganz ungemütlich wurde es, als ausgerechnet Lotteraner Rechtsverteidiger Tobias Willers einen verlängerten Freistoß von Czyszczon quer in die Mitte bekam, wo er völlig frei bereitstand und in der 49. Minute zum verdienten 1:0 einköpfte.

Damit schien bei den Preußen eine Art Schockstarre einzusetzen, die bis zum Schlusspfiff anhalten sollte. Sturm und Drang in der Solartechnics-Arena? Fehlanzeige. 5.304 Zuschauer sahen am Ende einen verdienten Sieger. Und der hieß Sportfreunde Lotte. Das freute die wenigen Anhänger aus Lotte so sehr, dass sie erstmalig an diesem Tag gegen Ende der Partie lauter waren als die über 2.500 Anhänger aus Münster. Ob es ein weiteres Aufeinandertreffen dieser beiden Mannschaften gibt? Mit dieser Leistung der Preußen, in der nächsten Saison ganz sicher. Und die Sportfreunde aus Lotte, so pfeiffen es die Sponsoren von den Dächern, sind in der vierten Liga auch ganz gut aufgehoben.