Kino im Hochsommer? Aber gerne!

pathe_KinoEs ist heiß geworden. Endlich. Das wurde aber auch wirklich Zeit. Vorbei scheinen die Tage der “Zwiebel-Outfits”, morgens drei Schichten inklusive Regenjacke und abends kurze Sporthose. Doch was machen wir jetzt mit den hohen Temperaturen? Herumnörgeln vielleicht, weil es im Büro zu warm ist? Nein – das ist typisch deutsch. Freuen wir uns auf´s Relaxen. Aus Gründen. Im klimatisierten Kino zum Beispiel, mit leckerem Kaltgetränk und Knusprigem. Als “Vielseher” kann ich zur Zeit einige wirklich schöne Filme empfehlen: “Atlantic”, den ich für die Wochenzeitung “na dann…” mit wenigen Worten beschrieben habe. Oder “Liebe auf den ersten Schlag” (meine Kritik bei filmstarts.de). Und wer immer noch nicht “Die Lügen der Sieger” (Kritik dazu auf mehrfilm.de), “Mad Max: Fury Road”, “Kiss the Cook” oder “Jurassic World” gesehen hat, der sollte jetzt ganz schnell eine Einladung zum Kinoabend per SMS oder auf WhatsApp verschicken. Oder eben relaxen – und sich auf´s Open Air Kino freuen. Das öffnet in diversen Städten auch bald seine Pforten (siehe Video aus Münster).

 

 

“Der zerbrochene Krug” in einer Inszenierung von Tanja Weidner am WBT in Münster

IMG_6203Theaterfans wissen, Kleists “Der zerbrochene Krug” ist im Kern ein launiger Schwank. Eine miefige Mileustudie, die von Amtsmissbrauch erzählt, mit ihren Schauspielern steht und fällt und längst zu den am häufigsten gespielten Stücken an deutschen Theaterbühnen gehört. Also wie geschaffen für das Ensemble des privaten Wolfgang-Borchert-Theaters in Münster. Seit dem 26. März 2015 taucht das Kleist-Lustspiel nun (endlich) im Programm des (neuen, im Flechtheimspeicher beheimateten) WBT auf. Meinen Respekt, den ich den Verantwortlichen und Darstellern bereits in älteren Kurzkritiken auf diesem Blog entgegenbrachte, sollte bald durch eine weitere Empfehlung neue Nahrung erhalten. Dessen war ich mir lange vor dem Premierenabend sicher.

“Der zerbrochene Krug” ist nicht nur ein launiger Schwank, das Stück ist auch ein Lustspiel für die Prachtkerle unter den deutschen Bühnen-Darstellern. Klaus-Maria Brandauer hat die Hauptrolle des Dorfrichters sowohl am Wiener Burgtheater als auch am Berliner Ensemble viele Jahre (mit) geprägt genauso wie Sven-Eric Bechtolf, Heinz Werner Kraehkamp in Frankfurt oder Emil Jannings in der gleichnamigen Verfilmung von 1937. Nun also Meinhard Zanger. Der Intendant himself. Kahl geschoren, mit täuschend echten Verletzungen an Kopf und Bein (Bühne und Kostüme: Darko Petrovic), schleicht er sich heran. Ganz zu Beginn, im scheuen Licht, an die schöne Nymphe Evchen (Alice Zikeli). Er umtanzt sie, berührt ihr Haar. Eine ungewöhnliche Ouvertüre. Und es kommt besser. Stumm legt der verliebte Trunkenbold alle Kleider ab, während Evchen die Bühne verlässt und die Musik verstummt. Erst mit einem satten Schnarchen auf der Bank eröffnet Zanger das Tagesgeschehen, den anstehenden Gerichtstag, um den es die nächsten gut zwei Stunden ohne Pause gehen wird. Aufgeweckt von einem kräftigem Klapps auf den Allerwertesten von seiner Hausangestellten (Sabrina von der Sielhorst). Wow!

So leidenschaftlich, so lustvoll changierend zwischen zerstreutem Ermittler in eigener Sache und eitlem Dorf-Despoten hat man Meinhard Zanger lange nicht mehr auf der Bühne gesehen. Ein schauspielerischer Parforceritt, der noch flankiert wird durch eine tolle Leistung des kompletten WBT-Ensembles. Jemanden herauszuheben wäre töricht, doch Monika Hess-Zanger als aufgebrachte Wirtin vor der Anklagebank ihres Richters, der im “wahren Leben” ihr Ehemann ist, und der an diesem Abend einen verliebten Dorfrichter in Erklärungsnöten gibt, unter der Regie der Alphatier-erprobten (“Kunst“) Regisseurin Tanja Weidner, dieses Schauspiel ist jedes Geld für eine Eintrittskarte wert. Nicht verpassen!

“Tour of Tours”, Erfolgsfaktor Synergieeffekt

IMG_6072_2Ein Synergieeffekt beschreibt das Zusammenwirken von Faktoren, die eine Synergie ergeben, sich also gegenseitig befeuern. In der Wirtschaft sind Synergieeffekte an der Tagesordnung. Ein Erfolgsmodell. Erfolg brauchen andere Industrien auch. Die Musikindustrie zum Beispiel. Hier fällt einem zum Thema Synergien jedoch nur das Projekt “Night of the Proms” ein. Eine gewachsene Veranstaltung, bei der in verschiedenen Städten stets am Ende eines Jahres Klassik auf Pop trifft? Aber sonst?

Dass “ein Ganzes mehr sein kann als die Summe seiner Teile“, was bereits Aristoteles in der Antike festgestellt hat, entdeckte eine Reihe von Musikern aus Berlin im Jahr 2013 für sich. Vor zwei Jahren holten bei einem gemeinsamen Auftritt die Gruppe “Town of Saints” und der Musiker Honig spontan einige befreundete Musikerkollegen mit auf die Bühne. Unter ihnen: Jonas David, Tim Neuhaus und Ian Fisher. Von ihrer gemeinsames Session in Berlin waren alle Beteiligte so angetan, dass die Idee für eine gemeinsame Tour aufkam. Und selbige bekam schnell einen Namen, man einigte sich auf nicht weniger als “Tour of Tours”.

Ein Projekt, bei dem bis zu zehn Musiker auf der Bühne stehen und sowohl ihre jeweils eigenen als auch gemeinsame Songs zusammen interpretieren. Zum Ende des Jahres 2014 fand der Auftakt der Tour in Köln statt. “Wir haben zusammen in dieser Formation nur drei Tage geprobt. Also, mal schauen, was der Abend so bringt” stimmte Stefan Honig das Publikum in Köln perfekt auf den Abend ein. Honig ist der Kern dieser in Mannschaftsstärke angetretenen Riesenband. Er treibt an, swingt mit, stellt größtenteils die (Solo)Darbietungen seiner Kollegen vor und kann sich auch mal ganz ruhig in den Hintergrund stellen, wenn beispielsweise sein Freund und Kollege Tim Neuhaus eines seiner wunderbaren Songs wie zum Beispiel “As life found you” anstimmt.

Stilistisch reicht die Bandbreite der Darbietungen von Singer/Songwriter-Pop über Country und Boogie bis hin zu Folkpop, man hört mal Turin Brakes, mal Arcade Fire und beim Indieradio-Hit “Golden Circle” von Honig natürlich die Neo-Folk-Pioniere Mumford & Sons. Die Musiker tun sich dabei nicht nur aus rein pragmatischen Gründen zusammen, sie verbindet auch eine gemeinsame Sound-Idee. Das Publikum freut´s. Die Kritiker auch. Sie tituliert die erfolgreiche Tour als “Diese Tour dokumentiert den Stand der Popmusik aus Deutschland anno 2015.”

Auch ich kann den Abend mit bis zu zehn Musikern auf der Bühne nur wärmstens empfehlen. Daten zur “Tour of Tours” findest Du hier. Hingehen!

 

 

Qualitätsjournalismus?

Screenshot zum Artikel Echo Preisverleihung 2013 Spiegel OnlineTagesaktueller Journalismus ist ein hartes Geschäft. Ich weiß, wovon ich rede. Deshalb sollte ich an dieser Stelle im Hinblick auf das schwierige Tagesgeschäft nicht an den Qualitätsjournalismus erinnern. Auch nicht in Bezug auf das derzeitige unangefochtene Leitmedium Spiegel Online. Aber ich muss ganz kurz ein wenig Luft ablassen. Und an die Qualität erinnern. Zudem werden die Verantwortlichen des betreffenden Online-Nachrichtenmagazins gerne und oft zitiert, wenn es um “Qualitätsjournalismus” geht (allein die Google-Suche liefert dazu über 100 Einträge).

Stein meines Anstoßes ist ein Spiegel Online-Beitrag zu der gestrigen Echo-Verleihung. In seinem Artikel “Drei Stunden deutscher Glamour“, der auf den Sozialen Netzwerken mehr als 200 Mal verlinkt und auf der Artikelseite selbst über 60 Mal (Stand Freitag 13 Uhr) kommentiert wurde, bleibt einiges im Unklaren. So schreibt der Autor Tim Caspar Boehme zum Beispiel zur (bereits im Vorfeld kontrovers diskutierten) Ausladung der Band Frei.Wild: “Unterstützung bekamen sie von der NPD, die eine Mahnwache für Frei.Wild ankündigte. Zur feierlichen Veranstaltung am Donnerstag erschienen einige Fans der mutmaßlich rechten Band an den Berliner Messehallen.” Hmm. Fällt da niemandem etwas auf? Da bleiben doch meiner Meinung nach einige Fragen offen. Zum Beispiel: Was ist eine rechte Band? Was ist aus der angekündigten Mahnwache der NPD geworden? Und vor allem wieviel sind “einige Fans”? Geht es da bitte etwas detailierter bzw. genauer? Sind es drei, vielleicht dreißig oder gar dreihundert?

Weiter im Text wird die Moderatorin dazu ins Spiel gebracht. Und zwar mit den Worten: “Helene Fischer, die Moderatorin des Abends, erwähnte Frei.Wild verständlicherweise mit keinem Wort.” Warum verständlicherweise? Wäre es nicht die Pflicht der Moderatorin gewesen, kurz auf den Sachverhalt einzugehen und dazu Stellung zu nehmen? Das sieht der Autor des Artikels anscheinend anders. Auch mit den teilnehmenden KünstlerInnen hat er so seine Probleme: Die Amerikanerin Lana del Rey beschreibt er mit den Worten “juvenile Nostalgie-Pop-Ikone”. Über diese Bezeichnung dürfte sich allein die New Yorkerin selbst freuen. Sollte Sie den Artikel übersetzt bekommen. Immerhin hat die “juvenile” 26-jährige, die mit richtigem Namen Elizabeth Grant heißt, ihren “Ikonenstatus” wodurch erreicht? Durch bislang ein Album auf dem Markt?

Auch in Punkto Verteilung der Preise gab es einige Unklarheiten. So schrieb Tim Caspar Boehme über eine Verleihung: “In dem fast dreistündigen Fernsehelend – es galt 27 Kategorien durchzuhecheln -, überraschten gelegentliche erfrischende Wendungen. So konnte Harold Faltermeyer als Laudator…” Stop. Fernsehelend? – Warum? Erfrischende Wendungen? Etwa von links nach rechts? Oder “von vorhersehbar zu unvorhersehbar”? Und wenn Letzeres, welche Vergabe war vorhersehbar und warum?

Nein, mit den Verben, Adjektiven und Mutmaßungen hat sich der Autor des Artikels ein ums andere Mal – um es vorsichtig zu formulieren – vergriffen. Nicht, dass ich an dieser Stelle missverstanden werde. Nichts liegt mir ferner, als Kollegen zu kritisieren oder zu beleidigen. Zudem habe ich ihn zahlreichen Artikeln und Tätigkeiten immer wieder auf die hervorragenden Artikel von Spiegel Online verwiesen. Aber diese Bezeichnungen, Mutmaßungen, Halb-Informationen haben mit “Qualitätsjournalismus” nur sehr wenig zu tun. So, das musste jetzt kurz einmal raus.

Kinderidylle, Arbeitswelt, Spreewald – Meine Filme vom Wochenende #15 2012

Szenenbilder aus Krieg der Knoepfe Work Hard Play Hard Le Havre Polizeiruf 110Abwechslungsreicher kann Kino kaum sein. Ein Ausflug in den Süden Frankreichs des Jahres 1944 und später ein Rundgang durch die Büros und Kaffee-Ecken einiger Hamburger Firmen und Agenturen. Dazu am nächsten Tag ein Blick in ein französisches Hafenidyll auf einer Großbildleinwand und am nächsten Abend die Reise in den Spreewald im TV. Aber der Reihe nach. Die gedankliche Odyssee startete mit Christophe Barratier („Die Kinder des Monsieur Matthieu“) und seinem “Krieg der Knöpfe“. Die x-te Verfilmung des Kinderbuches von Louis Pergaud hat mich nicht wirklich überzeugen können. Die Geschichte zweier Kinderbanden aus den Dörfern Velrans und Longeverde wurde von 1912 (Originalgeschichte) in das Jahr 1944 verpflanzt. Aber trotz der großartigen Darsteller (ja, auch Laetitia Casta !) sind die Bedrohungen durch den Krieg zu schwach und die Abenteuer der Kinder zu holprig inszeniert. Inhalt und Kritik in wenigen Wörtern, hier.

Noch am selben Tag ging es von der südfranzöischen Landidylle in die fast klinisch kalt wirkenden Büros und Empfangshallen einiger Hamburger Konzerne und Agenturen. Mit ruhiger, fast gelangweilter Kamera unternimmt Filmemacherin Carmen Losmann in “Work Hard, Play Hard” “eine Reise durch die postindustriellen Werkstätten der Wissens- und Dienstleistungsarbeit, die als unsere Arbeitswelt von morgen gelten.” Ihr kommentarloser Blick fördert – fast im Vorbeigehen – Erschreckendes zu Tage. Carmen Losmann ist mit ihrer Direct Cinema Doku eine sehr sehenswerte, teilweise erheiternde, vor allem aber erhellend ehrliche Bestandsaufnahme der heutigen Arbeitswelt gelungen. Eine Welt, in der “die Ressource Mensch” in den Mittelpunkt rücken soll. Die sich nach dem Kinobesuch aber niemand wünschen dürfte. Zumindest nicht in dieser – oder in einem der im Film vorgestellten Unternehmen – beschäftigt zu sein. Klasse! Meine Kurzkritik dazu hier.

Aus Hamburg ging es am nächsten Tag an die französische Atlantikküste. Ein Freund lud zu einem gemeinsamen Filmabend. Er hatte sich “Le Havre” von Aki Kaurismäki auf Blu-ray gekauft, den wir zu siebt auf einer Großbildleinwand genießen durften. Ein herrlicher Abend. Da ich den Film noch nicht kannte und sehr unterschiedliche Urteile von Kollegen gehört hatte, war ich sehr gespannt auf den Film. Der ewige Nostalgiker Kaurismäki erzählt die berührende Geschichte eines glücklich verheirateten Schuhputzers (André Wilms), der auf ein Flüchtlingskind trifft und dessen Weiterreise nach London ermöglicht. “Le Havre” ist eine Ode an die Freundschaft und die Gemeinschaft: Es ist vielleicht nicht der beste Film des Finnen Kaurismäki aber bestimmt sein menschlichster. Hat mir gut gefallen.

Anstelle des obligatorischen “Tatorts” am Sonntagabend durften sich die Krimifans auf einen hervorragenden Polizeiruf 110 mit dem Titel “Die Gurkenkönigin” freuen. Warum freuen? Weil Ed Herzog (bekannt durch seine kitschigen Heike Makatsch Filme “Almost Heaven”, 2005; “Schwesterherz”, 2006) ein ausgezeichneter Krimi-Regisseur (“Der Fahnder”, “Tatort” – Herz aus Eis) mit Hang zu ausgefeilten Ideen ist und diesmal die wunderbare Sophie Rois die Rolle der Kriminalhauptkommissarin von Imogen Kogge übernahm. Zusammen mit dem immer wieder wunderbaren Horst Krause brilliert Sophie Rois an der Seite von Susanne Lothar, die eine vom Leben frustrierte Spreewald-Gurkenkönigin gibt in einem sehr grotesken, spleenigen und bewußt überzeichneten Krimi mit hohem Unterhalstungsfaktor. Traditionsbewusste Tatort-Fans dürften die Hände vor dem Kopf zusammengeschlagen haben, ich habe mich königlich amüsiert und kann diesen “anderen” Polizeiruf nur wärmstens empfehlen.

Mein Film der Woche ist aber:

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=Y6qy3aZg-Zk[/youtube]