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Atem- und Stimmtraining im Yoga-Zentrum (2/3)

Menschen am Strand von Schillig an der Nordsse.

Yoga hilft. Die alte Selbsthilfemethode Yoga fördert nicht nur körperliches, sondern auch geistiges Wohlbefinden. Das habe ich wieder einmal erlebt. Diesmal in einem dreitägigen Workshop an der Nordsee. Wie muss ich mir ein Yoga-Zentrum an der Nordsee vorstellen? Junge, hübsche Menschen mit bunten Klamotten und Kopftuch? (Henna-)Tattoowierte Sportfreaks und Umwelt-Aktivisten mit Hang zum Tiefenpsychologischen? Nicht ganz. Zum Glück ist das Yoga-Zentrum sehr weitläufig und verschachtelt. Der Erfolg der Einrichtung fordert(e) immer neue bauliche Erweiterungen. Wirklichen Kontakt und Austausch gibt es „nur“ in den Mittagspausen (wegen Corona mit Abstand ausschließlich außer Haus) und in den Seminaren bzw. Workshops (mit 1,50 Meter Abstand).

Die Teilnehmenden kommen und kamen aus allen Altersgruppen, im Alter von 12 (Familie mit Kind) bis 72 Jahren. Mit dem letzten Hinweis in der Anmelde-E-Mail „Wenn Du das Yoga-Zentrum besuchst, solltest Du eine positive Einstellung gegenüber der yogischen Lebensweise mitbringen, die auch ein Verzicht auf Konsumgüter, Kaffee, Fleisch und Zigaretten bedeutet“ sollte jedem klar sein, dass man weniger auf gestresste Porsche-Fahrer trifft, sondern eher alleinlebende Studienrätinnen. Auch die geschlechtsspezifische Verteilung von 80:20 zu Gunsten der weiblichen Teilnehmenden verwundert kaum. „Yoga-Workshops sind wohl eher so´n Frauen-Ding“ bekomme ich dazu im Freundeskreis auf meinen Urlaubsbericht zumeist als Antwort. Schade eigentlich.

Gönne Dir einen Augenblick der Ruhe und Du begreifst, wie närrisch Du herumgehastet bist.“ Diesen Satz lese ich als erstes. Gleich bei der Anmeldung. Man ist sofort im „Du-Modus“. „Hallo Christian, schön, dass Du bei uns bist, Du hast das Zimmer 12.“ Von da an bekomme ich auch in den nächsten Tagen überall ein Lächeln geschenkt. Und ich frage mich, was man hier morgens in den Kaffee… sorry, in den Tee bekommt. Aber es steckt an. Ich fühle mich sofort wohl. Geredet wird wenig. Lächeln, schweigen, schreiten, schauen, lächeln. Das Haus hat an diesem Wochenende ungefähr 60 Gäste und ich frage mich, wo die sich versteckt haben können. Zu hören ist kaum etwas. Am Nachmittag soll es die erste Yoga-Begrüßungs-Stunde geben, erklärt mir Marie an der Rezeption, und ich sei herzlich eingeladen. „Und ach, Christian, kennst Du dich mit PC-Druckern aus?“ Der aktuelle Drucker frisst das Papier, ob ich mir das mal anschauen könnte. Endlich ein weltliches Problem in transzendentaler Umgebung, dachte ich. Das Haus wurde mir mehr und mehr sympathisch.

Menschen in Strandkörben am Nordsee-Strand in Schillig.
Überfüllter Nordsee-Strand in Schillig. Photo C. Gertz 2020
Es ist Freitagnachmittag. Weitere Gäste trudeln ein. Die erste Yogastunde schenke ich mir. Die Sonne strahlt. Und der Strand ist nicht weit. An letzterem verwundert mich nur, dass der Corona-Virus bei den meisten Strandbesuchern offenbar als überwunden bzw. besiegbar gilt. Masken sieht man so gut wie nicht. Und die Abstandsregeln werden konsequent missachtet. Sowohl auf den überfüllten Parkplätzen, wie auch an den frisch erbauten Sandburgen. Riesenrad, Drachenfliegen, Elektroroller-Fahren, zahlreiche Imbiss-Buden für unzählige stark gerötete und sonnenverbrannte Familien-Körper. Eine Kirmes am Strand. Das ist nichts für mich. Auf meinem Terminplan steht eine Hausführung. Ich mache mich auf den kurzen Rückweg. Und nach nur wenigen Minuten – Ruhe. Schweigen, schreiten, lächeln, schauen, schweigen. Siehe oben. Was für eine Wohltat.

„Hallo, ich bin Jeanette und ich begrüße erst einmal alle Neuankömmlinge. Schön, dass ihr da seid. Ich möchte Euch kurz die neuen, Corona-bedingten Hausregeln erklären.“ Jeanette ist Anfang 20, mit Kopftuch im Haar. Sie redet leise aber bestimmt. Beide Arme sind übersät mit Henna-Tattoos. Wie war das noch mit dem Klischee? Nach ihren Ausführungen zu den vielen neuen Beeinträchtigungen schließt Jeanette ihren Vortrag mit den Worten: „Wir sind aber froh, dass wir wieder Gäste begrüßen dürfen. Und dass wir mit Euch in den nächsten Tagen hoffentlich spannende Workshops erleben und gemeinsam Yoga praktizieren können.“ Dankbarkeit schimmert durch jede Zeile ihrer Rede. Am Ende verabschiedet man sich mit einem gemeinsamen „Na-mas-te“. So langsam sind meine staugeplagte Anreise und der schockerfüllte Strand-Besuch vergessen. Mein Stresslevel fährt herunter. Um 20 Uhr beginnt der erste Workshop. Und ich bin gespannt wie Bolle. Mehr dazu im nächsten Blogeintrag. (Dieser Text ist auch in der wöchentlichen Kolumne „Weiterbildung..“ in der nadann… Wochenschau für Münster erschienen.)

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