Kultur

Eine virtuelle Liebe im Alltag

Szene aus dem Theaterstück Gut gegen NordwindAch ja, der Glattauer. Seine romantische E-Mail-Korrespondenz „Gut gegen Nordwind“ aus dem Jahre 2006 hat bis heute hunderttausende Leserinnen verzückt. Vielleicht auch, weil der Spiegel den Bestseller des Österreichers einst mit den Worten „eines der zauberhaftesten und klügsten Liebesdialoge der Gegenwartsliteratur“ adelte. Und was passiert in der Regel mit einem erfolgreichen, unterhaltsamen Dialog (siehe Reza, Schimmelpfennig und Co.)? Der Weg an die Theaterbühne ist nicht mehr weit. Nach Aufführungen in Wien, Wiesbaden, Frankfurt, Niederstetten und Co. hat nun auch Monika Hess-Zanger, Schauspielerin, Regisseurin und Ehefrau des Intendanten am Wolfgang Borchert Theater in Münster ihre Liebe für die E-Mail-Korrespondenz zwischen den beiden Stadtneurotikern entdeckt. Kein Wunder, sie ist seit 2009 eine von zahlreichen deutschen TheaterregisseurINNEN, die sich dieser kleinen Fingerübung stellen wollte.

Monika Hess-Zanger entfaltet die viertuelle Liebe zwischen dem Sprachpsychologen und der verheirateten Web-Designerin auf zwei Bühnenebenen. Sie benötigt keine Wand, um die beiden Liebenden voneinander zu trennen. Denn die Blicke von den zugegeben großartigen Export-Kräften Anuk Enz und Jürgen Lorenzen werden sich an diesem gut zweistündigen Theaterabend nur zwei Mal treffen. Damit die zahlreich vorgetragenen E-Mails das Publikum nicht ermüden, werden sie von Schumann-Liedern unterbrochen, wohl temperiert zur eingeblendeten Jahreszeit. Ein cleverer Schachzug. Doch den großartigen Darstellern gelingt es nicht, den zuckersüßen Tüll-Schleier der Boulevardkultur, den dieser Dialog mit sich trägt, abzustreifen. Zu seicht ist das Geschehen, zu einfach die Figurenzeichnung, sowohl im „Roman“ als auch auf der Bühne. Eine Fingerübung eben.

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