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Filmkritik „Golden Twenties“ von Sophie Kluge

Plakat zum Film "Golden Twenties"
Filmplakat Golden Twenties (c) 20th Century Fox Germany 2019.
Sie heißen Ava, Fances, Lady Bird oder Madeleine, junge Frauen auf der Suche nach Freiheit und Stabilität. Das Kino hat bereits zahlreiche Geschichten über sie erzählt. Sophie Kluge fügt diesem Subgenre mit ihrem Debüt „Golden Twenties“ und der deutschen Ava eine weitere starke Protagonistin hinzu. Und die junge Schauspielerin Henriette Confurius sorgt für die nötige Portion Nachhaltigkeit und den passenden Wow-Effekt.

Ava ist Mitte Zwanzig. Als sie ihr Studium abgeschlossen hat, soll die elterliche Wohnung ihrer Mutter in Berlin einen vorläufigen Rückzugsort bieten. Auch, um in aller Ruhe Zukunft und Finanzen zu regeln. Erstaunt muss Ava jedoch feststellen, dass die Freude über ihre Rückkehr sich bei Mutter Mavie (Inga Busch) in Grenzen hält. Letztere ist bei Avas Ankunft nicht zu Hause, ihr altes Zimmer ist mit Bügelbrett, Kleiderstange und Heimtrainer vollgestellt, und so muss Ava zunächst alleine für Ordnung sorgen. Mit ihrem Pragmatismus erinnert Ava in diesen Szenen an die fast gleichaltrige Frances aus Noah Baumbachs Generationen-Porträt „Frances Ha“. Auch bei Frances, herausragend verkörpert von Baumbachs Gattin Greta Gerwig, ging es um die Herausforderungen, die einem das Leben irgendwann vor die Füße wirft. Bei Ava gibt es sie auch, sie sind jedoch nicht in schwarz-weiß getaucht und noch weniger in New York sondern in Berlin beheimatet.

Als Ava auf ihre Mutter trifft, hat diese ihren neuen Freund Samuel (Reinout Scholten van Aschat) an der Hand. Der ist nur unwesentlich älter als Ava. Die Chemie zwischen Ava und Samuel stimmt sofort. Das verdeutlichen die wenigen aber intensiven Dialoge der beiden. Auf tiefgründige Gespräche sollte man insgesamt jedoch, egal ob zwischen Mutter und Tochter oder Ava mit sonstigen Wegbegleitern nicht warten. Im Vergleich zur federleicht tänzelnden Frances Ha bügelt Henriette Confurius jede nur im Ansatz kompromittierende Situation zunächst mit Schweigen hinweg. Sie geht die Dinge stoisch und wortkarg an, sei es die Frage nach der Zukunft auf einer Flat-Worming-Party eines Bekannten ihrer Mutter oder die Frage nach der großen Liebe. Ava hat Zeit.

Darstellerin Henriette Confurius vor dem Spiegel sitzend.
Henriette Confurius in „Golden Twenties“ (c) 20th Century Fox Germany.
Nein, Sophie Kluges Ava ist von allen oben genannten jungen Frauen die bodenständigste. Das muss nicht gleich langweilig heißen. Henriette Confurius besitzt genug Ausstrahlung und Charisma, und verkörpert die gleichermaßen nach Sinn wie nach Eigenständigkeit suchende Ava mit so viel Charme, dass die 93 Spielfilmminuten mit ihr wie im Fluge vergehen. Ava ist abwartend. Und das gibt ihren Weggefährten reichlich Raum, sich zu zeigen und sogar sich zu entfalten. Avas Vater beispielsweise, überzeugend verschroben verkörpert von Michael Maertens, verschafft seiner Tochter eine Hospitanz am städtischen Theater. Überhaupt findet viel im Theater, vor und hinter den Kulissen statt. Performance, Proben und Politisches inklusive. Ava erträgt als Mädchen für alles und nichts die herablassemden Demütigungen der Weisungsbefugten mit viel Kraft und Würde.

Sophie Kluge, die ihre Tragikomödie persönlich in Münster vorstellte, solidarisiert sich mit ihrer Hauptdarstellerin und Ausgebeuteten. Auch, weil sie Ähnliches selbst erlebt habe. „Es steckt viel von mir in Ava“ berichtete die Debütantin nach Filmende ihrem begeisterten Publikum in Münster, „nur habe ich mit keinem Schauspieler am Theater geschlafen.“ Verführung, Versuchung, Verlust, Orientierungslosigkeit, Selbstfindung und eine Vielzahl an neuen Möglichkeiten, „Golden Twenties“ von Sophie Kluge nimmt sich der Probleme und Chancen der Mitzwanziger*innen an. Und die wunderbare Henriette Confurius arbeitet sich an ihnen mit einer großen Portion Lakonie ab. Angereichert mit vielen kleinen Beobachtungen, vom seltsam hilfsbereiten Nachbarn (Blixa Bargeld) bis zur lebenshungrigen besten Freundin.

„Ja, ich habe mich in Ava wiedergefunden“ lauteten u.a die Kommentare nach der Vorführung in Münster sowie in einigen Kommentaren zum Film in Online-Portalen. Ein schöneres Kompliment kann es für ein Spielfilmdebüt kaum geben. Bitte mehr davon!

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