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Atem- und Stimmtraining im Yoga-Zentrum (3/3)

Menschen praktizieren Yoga an der Nordsee am Strand.

Der erste Tag im Yoga-Haus an der Nordsee. Ja, Self-Care ist das Thema. Und Self-Care ist das Codewort für den Rückzug ins eigene Ich. Denn wer gesund und glücklich sein möchte, kommt um die Selbstfürsorge nicht herum. Sogar die Weltgesundheitsorganisation sieht Selbstpflege als Maßnahme, gesund zu bleiben, Krankheiten vorzubeugen oder mit einer Krankheit umzugehen. Menschen, die Kranke oder Behinderte betreuen, werden regelmäßig angehalten, sich bei der Pflege nicht selbst zu vergessen, und Burn-out-Patienten müssen lernen, sich wieder zu spüren. In der gesamten Antike galt die „cura sui“ als eine grundlegende Verhaltensregel, und der Philosoph Michel Foucault sah die Selbstsorge gar als Imperativ, der alle Formen des Verhaltens zu begleiten habe, unabhängig von Alter und sozialem Status. Bei mir startet Self-Care heute um 20 Uhr mit dem ersten Workshop – im Yoga-Zentrum an der Nordsee.

Die stressige Anreise und der erste Schock am Masken-befreiten Strand sind vergessen. Die Ruhe, das Lächeln, die Atmosphäre im Haus und die Vorfreude auf das Kommende senken Puls, Herzschlag und meinen Stress-Level. Nun soll es für mich also losgehen. Der Gruppenraum ist schnell gefunden. Die Hausschuhe landen vor der Tür. Geordnet in einem kleinen Holzregal. „Hallo, ich bin Stephan (Anm. d. Red.: Name geändert!), ich bin euer Begleiter für die nächsten Tage. Ich bin Logopäde, Musiker und praktiziere Yoga seit vielen Jahren. Hier soll es die nächsten Tage um unsere Atmung, unsere Stimme und natürlich um Yoga gehen. Denn die Atmung gehört zum Yoga wie das Wasser zum Fisch. Und auch an der Stimme werden wir arbeiten. Das habt ihr gebucht. Seid ihr bereit?“ – Niemand antwortet. Zunächst Schweigen. Die Gruppe muss sich erst noch finden. Als Dozent kenne ich die Situation. Also antworte ich: „Ich freu´ mich drauf!“. Stephan lächelt: „Das ist gut.“

Stephan, unser Workshop-Dozent ist etwa Mitte 50, ein schlanker, hagerer Typ, Igel-Haarschnitt. Er trägt eine Kaki-Hose mit großen Taschen, lockerem Hemd auf braungebrannter Haut. Seit zehn Jahren macht er Workshops mit dem Schwerpunkt Atem- und Stimmtraining, wie er sagt. Und das für – und in mehrere(n) Einrichtungen. Und das merkt man ihm an. Stephan steht heute vor unserer 8-köpfigen Gruppe, bestehend aus 6 Frauen und 2 Männern. Er strahlt Ruhe aus. Stephan weiß, gute Workshops stehen und fallen oft mit der Gruppendynamik. Wie harmonisch arbeitet die Gruppe mit? Gibt es Alleinunterhalter oder Selbstdarsteller? Wieviel muss er arbeiten bzw. selbst reden? Oder ist dieser Workshop ein Selbstläufer? Ich glaube, ich weiß was gerade im Kopf von Stephan vor sich geht.

Stephan startet mit einer klassischen Vorstellungsrunde. Streng nach Sitzordnung. Melanie aus Dortmund will ihre Stimme stärken, Lisa mit Akzent, aus der Nähe von Holland, möchte ihre Stimme trainieren, weil sie als Deutsch-für-Ausländer-Lehrerin diese täglich benötigt. So geht es mir auch. Matthias aus der Nähe von Bonn lässt sich „einfach überraschen“ und Stephanie aus Kiel will vor allem viiiieeel singen. Stephan lächelt erneut. Und zeigt auf seine Gitarre. Wir starten mit einem dreifachen „O-h-m-m-m-m“ – „S-h-a-n-t-i-i-i“ – „F-r-i-e-d-e-n“. Dazu stimmt unser Dozent ein 440-herziges A an.

Mit einer kleinen theoretischen Einführung zum Thema „Atmung und Stimme“ geht es los. Wo liegen die Stimmbänder? Wie groß sind diese? Woher kommt unsere Luft? Was passiert mit den Stimmbändern? Welche Aufgabe hat die Zunge dabei? Einige Schaubilder tauchen parallel dazu auf dem Flipchart in Raummitte auf. Zwischendurch sollen wir die Luft im Körper selbst an die richtigen Orte leiten. Ich merke, dass ich viel zu wenig aus dem unteren Bauch atme bzw. in der Vergangenheit geatmet habe. Stephan sagt: „Passt auf, dass ihr die Luft von ganz unten – aus dem unteren Bauch holt. Viele machen den Fehler, dass sie zu schnell und zu flach atmen. Meist mit den Schultern. Das ist falsch. Dann wird die Stimme dünn, weil sie schlichtweg keine Luft mehr bekommt.“ Wir atmen, spüren, summen und lauschen Stephans Ausführungen noch knapp zwei Stunden. Gegen 22:30 Uhr ist der erste Teil des Workshops vorbei. Die Gruppe ist sichtlich müde. „Ok, irgendwelche Fragen? Genau damit machen wir morgen weiter“ verspricht Stephan. „Es wird viel geatmet, gesungen und noch einmal gesungen. Mantras, Volkslieder, einige Pop- und Folk-Songs. Ich habe alles dabei. Wir starten um 8 Uhr.“
„Um 8 Uhr morgens oder abends?“ will Matthias aus Bonn wissen. „Um acht Uhr morgens natürlich“ erwidert Stephan erstaunt. „Du kannst den Tag aber auch gerne um 7 Uhr mit dem allgemeinen Mantra-Singen in Gruppenraum XY beginnen“ ergänzt Stephan noch. Vereinzelt ist Schmunzeln zu vernehmen.

Sonnenuntergang und aufeinander geschichtete Steine.
Yoga erdet. (Photo: C.Gertz)
Nach einer sehr ruhigen und angenehmen aber viel zu kurzen Nacht versammelt sich die Gruppe pünktlich um 8 Uhr im Gruppenraum. Die Hausschuhe landeten wieder im Holzregal. Unser Dozent ist bereits im Raum und gut gelaunt – und sortiert seine Unterlagen. Ohne Frühstück im Bauch geht es weiter. Einige Teilnehmer*innen sind zuvor von sehr angenehm klingenden Mantras geweckt worden, die ab 7 Uhr gemeinsam eine knappe Stunde intoniert worden sind. Um 7 Uhr war von uns allerdings niemand dabei. Wie versprochen wird in den nächsten Stunden in unserem Workshop viel gesungen, trainiert, gelauscht, wieder gesungen, auch im Kanon und wieder geatmet. Und das in den nächsten zwei Tagen noch drei Mal.

Ich nehme sehr viel mit aus den insgesamt vier mehrstündigen Workshops. Meine Stimme ist nach drei Tagen zwar sehr strapaziert und rauh – aber ich habe sehr viel über mich, meine Atmung und meine Stimme gelernt. Und werde das Erlernte auch in meinen künftigen Kursen und Workshops vorstellen und anbieten. Denn unsere Stimme ist ein wichtiges Werkzeug. Es hilft sehr, dieses richtig einzusetzen und dieses ab und zu zu trainieren.

Dass der richtige Umgang mit der Stimme und mit unserem Körper wichtig ist, wissen übrigens nicht nur Dozent*innen, sondern auch kluge Politiker*innen. So sind künftig in Nepal im neuen Lehrplan für Grundschüler und Schüler von weiterführenden Schulen Yoga- und Stimm-Übungen sowie Texte und Mantras zu Yoga vorgesehen. Ältere Schüler sollten sich zudem ab September noch tiefer auf Yoga und die traditionelle Heilkunst Ayurveda spezialisieren können. Eine tolle Idee. Denn ich weiß nun selbst, dass dies ein sehr gutes und wichtiges Training ist. Und auch, dass ich das Training spätestens im nächsten Jahr wiederholen werde. Meine Stimme wird es mir danken. Darauf ein dreifach kräftiges: „O-h-m-m-m-m“ – „S-h-a-n-t-i-i“ – „F-r-i-e-d-e-n“ – „F-r-i-e-d-e-n“ – „F-r-i-e-d-e-n“. (Dieser Text ist auch in der wöchentlichen Kolumne „Weiterbildung..“ in der nadann… Wochenschau für Münster erschienen.)

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