_ über das FernsehenKultur

Warum ich die TV-Serie „La Casa de Papel – Haus des Geldes“ so liebe …

Das Logo der spanischen TV-Serie La Casa del Papel mit zwei Darstellern
Logo La Casa del Papel (c) Netflix, 2020
Es ist wie beim Fußball. Wer gewinnt, der hat offenbar alles richtig gemacht. Im Fall der spanischen Serie „La Casa de Papel“ wäre das der Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft. Mehr geht nicht. Die inzwischen vier Staffeln von „Haus des Geldes“ (wie die Serie in Deutschland heißt) sind auf der ganzen Welt ein Erfolg. Eine der meist gesehenen Serien der Welt. Dabei hatte nichts, aber auch wirklich gar nichts auf den Erfolg hingewiesen. Ganz im Gegenteil.

Die Anfänge der Serie

Im Mai 2017 startet in spanischen Wohnzimmern eine Revolution – ohne revoltierenden Hintergedanken. Der spanische Sender Antena 3 Televisión strahlt die erste Staffel einer Einbruchserie aus. Sie erzählt von einem Team semi-professioneller Halbkrimineller; angeführt von einem schüchternen Nerd, der sich selbst „Professor“ nennt. Ort der Begierde ist die nationale Banknotendruckerei in Madrid, das titelgebende „La Casa de Papel“ – „Das Haus des Geldes“. Von Beginn an auf einen internationalen Erfolg ausgelegt, zündet der Start der Serie bei den Zuschauern (mit einer guten Einschaltquote von 4,5 Mio.) vielversprechend, verglüht aber bereits nach weiteren Episoden. So wird die zweite Staffel, deren Dreharbeiten kurz nach Start von Staffel 1 abgeschlossen werden konnten, zum Flop. Im Dezember 2017 kauft Netflix die Serie für den Weltmarkt ein. Aber selbst die Verantwortlichen bei Netflix konnten nicht ahnen, was dann kam. Ich schon. Ein Erklärungsversuch …

Der Plot der Serie

Im Zentrum steht wie bereits erwähnt ein schüchterner Mann, gespielt von Álvaro Morte. Der Mittvierziger möchte zu Ehren seines verstorbenen Vaters einen Raub durchführen. Dieser soll die Rekordbeute von 2,4 Milliarden Euro erzielen. Der Plan: Ein Team verschanzt sich in der Banknotendruckerei in Madrid. Die Angestellten werden als Geiseln genommen und zusammen druckt man das Geld – in elf Tagen. Damit die Geiseln nicht befreit werden, sollen sie rote Overalls tragen. Genau wie die Bankräuber. Der Professor stellt acht Spezialisten zusammen. Mit unterschiedlichsten Fähigkeiten. Sie sollen sich der Anonymität wegen nach Großstädten (z. B. Tokio, Berlin und Helsinki) benennen. In der ersten Folge wird die junge Tokio vorgestellt, eine taffe Bankräuberin, gespielt von Úrsula Corbero. Sie entkommt gleich zu Beginn knapp einer Verhaftung. Die erste Staffel erzählt von den langen Vorbereitungen des Teams, die eher an eine Klassenfahrt erinnert. Und von den zahlreichen Komplikationen in der Bank, die bereits am ersten Tag ihren Lauf nehmen und sich über die weiteren Tage in der Banknotendruckerei fortsetzen. Zahlreiche Vorbilder aus der Film- und Fernsehgeschichte wie beispielsweise „Inside Man“ (Regie: Spike Lee) oder „Prison Break“ (Creator: Paul Scheuring) standen bei der Entwicklung des Plots ohne Zweifel Pate.

Die Faszination der Serie

Was die spanische Serie ganz wesentlich von ihren zahlreichen amerikanischen Vorbildern unterscheidet, sind fünf Dinge: Erstens ist es der Umstand, dass jede Figur seine/ihre eigene Geschichte hat, die von Fall und Aufstieg erzählt. Wie zum Beispiel die junge Tokio, die das Zentrum bildet, weil sie zu Beginn zudem die Erzählerstimme ist. Ihr Privatleben wird zunächst am intensivsten beleuchtet. Im weiteren Verlauf bekommt der Zuschauer bei jeder Figur das Gefühl, dass dieser Einbruch vermeintlich die letzte große persönliche Chance darstellt. Der Bezug zu den Figuren wird somit noch intensiver. Vergleichbar etwa mit den intensiven Charakterzeichnungen aus TV-Serien wie „Orange is the new black“ oder aus Kinofilmen die „The Shawshank Redemption“ von Frank Darabont.

Faszination Gefühl

Ein weiterer Umstand zur Faszination der Serie ist die Vermittlung eines Gefühls. Und zwar des Gefühls, dass die Tat, der Bankraub in jeder Sekunde scheitern könnte. Ein Anführer, der sich in die falsche Frau verliebt und Angst erkennen lässt? Gab es noch nie. Ein fast jugendliches Teammitglied, dessen naive Sicherungen ein ums andere Mal drohen durch zu knallen? Gab es noch nicht. Frauen, die in heiklen Situationen unter spanischen Machismo-Attacken ihre nicht nur sprichwörtliche Frau stehen müssen? Gab es noch nie. Allen Beteiligten wird im Laufe der Zeit in der Bank klar, dass sie nur als Team bestehen können. Nur ein Gefühl des Zusammenhalts kann am Ende den Erfolg bringen. Und der Zuschauer drückt Ihnen im Verlauf immer fester die Daumen.

Faszination Leidenschaft

Der dritte Umstand, dass die Serie mehr fasziniert als ihre Vorbilder ist … die Leidenschaft. Die typische spanische Leidenschaft, die hier im Zusammenspiel mit der nervenaufreibenden Umgebung noch mehr Intensität versprüht als in anderen Filmen oder Serien. Kann man sich einen Film von spanischen Regisseur*innen wie Isabel Coixet, Luis Bunuel, Pedro Almodóvar, Alejandro Amenábar oder Julio Medem ohne die große Portion, ohne die kräftige Prise Leidenschaft vorstellen? Wohl kaum. Leidenschaft gehört zur DNA des spanischen Kinos wie die Reinkarnation der Hauptfigur in einen Hollywood-Blockbuster. Ob überraschend, gleichgeschlechtlich oder tragisch, „La Casa de Papel“ zieht alle zwischenmenschlichen Register.

Faszination Musik

Der vierte Umstand ist die hervorragende Musik, von der eingängigen Titel- bis zur spannungsgeladenen Filmmusik von Iván Martínez Lacámara. Die Verantwortlichen haben sich ganz bewusst für eine zurückhaltende aber doch stets drohende Musikuntermalung entschieden, was sich bereits beim wundervollen Titelsong „My Life is going on“ von Cecilia Krull bemerkbar macht. Die pathetischen Klangteppiche ihrer amerikanischen Vorbilder haben Lacámara und Kolleg*innen auch gar nicht nötig. Dazu passt natürlich das italienische Partisanen-Lied „Bella Ciao“ ganz hervorragend, das sich infolge der Serie zu einem internationalen Welthit mauserte. Und die zahlreichen Preise, auch für die Filmmusik, geben dem Team bei ihrer Musikauswahl recht.

Faszination Symbolik

Last but not least ist der letzte Umstand, der die Faszination der Serie auszeichnet … die Symbolik. Von den roten Overalls, die Tatkraft und Leidenschaft symbolisieren sollen, und die bei den sonst meist dunklen Tertiärfarben besonders herausstechen, über die Partisanen-Hymne, die alle Protagonisten nach ihrem Vortrag fast ikonographisch aus der Masse der Einbrecher-Könige heraushebt, bis zu den Masken mit dem Konterfei des spanischen Künstlers Salvator Dali, die nach der Ausstrahlung der Serie weltweit bei Veranstaltungen getragen wird, … derlei Symbole sorgen für einen Wiedererkennungswert, der sich bei den Fans einbrennt und schnell zu einem Multiplikator wird. Siehe die Zeichen, die Symbole, die sich moderne Sportler wie Usain Bolt, Christiano Ronaldo oder Robert Lewandowksi ausgedacht haben: Symbole sind positive Unterstützer einer Botschaft: „Seht her, ich/wir haben Erfolg!“ Eae quoque demonstrandum, die Verantwortlichen von La Casa de Papel um Álex Pina haben abgeliefert und der weltweite Erfolg gibt ihnen Recht. Ein Erfolg, der unlängst beziffert wurde: Die dritte Staffel war bis dato mit 34 Millionen Streams die weltweit erfolgreichste Staffel einer Fernsehserie auf Netflix aller Zeiten. Die vierte Staffel wird diesen Wert übertreffen. Zu Recht!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.