Was Sie schon immer über Twitter wissen wollten…

Portrait Tan Siok SiokAuf dem Filmfest in Oldenburg im letzten September bekam ich die Gelegenheit, einen tollen Dokumentarfilm über “das Phänomen Twitter” zu sehen. Jeder Filmbesucher, der einen eigenen Twitter-Account besitzt, durfte während der Vorstellung mit den Protagonisten im Film als auch mit der Filmemacherin live “chatten”. Ein großer Spaß! Das Projekt, das sich “Twittamentary” nennt, fand ich so interessant, dass ich einen Tag später ein langes Interview mit der südkoreanischen Filmemacherin geführt habe. Im Anschluss an die Vorführung in Oldenburg ist Tan Siok Siok mit ihrem Film um die Welt gereist. Und seit gestern ist der Film auch online im Netz abrufbar – gegen eine kleine Spende. Jeder, der Lust hat, mal zu twittern oder mehr über Twitter erfahren möchte, dem empfehle ich die 64minütigen Dokumentation, die Du dir hier ansehen kannst.

Kinderidylle, Arbeitswelt, Spreewald – Meine Filme vom Wochenende #15 2012

Szenenbilder aus Krieg der Knoepfe Work Hard Play Hard Le Havre Polizeiruf 110Abwechslungsreicher kann Kino kaum sein. Ein Ausflug in den Süden Frankreichs des Jahres 1944 und später ein Rundgang durch die Büros und Kaffee-Ecken einiger Hamburger Firmen und Agenturen. Dazu am nächsten Tag ein Blick in ein französisches Hafenidyll auf einer Großbildleinwand und am nächsten Abend die Reise in den Spreewald im TV. Aber der Reihe nach. Die gedankliche Odyssee startete mit Christophe Barratier („Die Kinder des Monsieur Matthieu“) und seinem “Krieg der Knöpfe“. Die x-te Verfilmung des Kinderbuches von Louis Pergaud hat mich nicht wirklich überzeugen können. Die Geschichte zweier Kinderbanden aus den Dörfern Velrans und Longeverde wurde von 1912 (Originalgeschichte) in das Jahr 1944 verpflanzt. Aber trotz der großartigen Darsteller (ja, auch Laetitia Casta !) sind die Bedrohungen durch den Krieg zu schwach und die Abenteuer der Kinder zu holprig inszeniert. Inhalt und Kritik in wenigen Wörtern, hier.

Noch am selben Tag ging es von der südfranzöischen Landidylle in die fast klinisch kalt wirkenden Büros und Empfangshallen einiger Hamburger Konzerne und Agenturen. Mit ruhiger, fast gelangweilter Kamera unternimmt Filmemacherin Carmen Losmann in “Work Hard, Play Hard” “eine Reise durch die postindustriellen Werkstätten der Wissens- und Dienstleistungsarbeit, die als unsere Arbeitswelt von morgen gelten.” Ihr kommentarloser Blick fördert – fast im Vorbeigehen – Erschreckendes zu Tage. Carmen Losmann ist mit ihrer Direct Cinema Doku eine sehr sehenswerte, teilweise erheiternde, vor allem aber erhellend ehrliche Bestandsaufnahme der heutigen Arbeitswelt gelungen. Eine Welt, in der “die Ressource Mensch” in den Mittelpunkt rücken soll. Die sich nach dem Kinobesuch aber niemand wünschen dürfte. Zumindest nicht in dieser – oder in einem der im Film vorgestellten Unternehmen – beschäftigt zu sein. Klasse! Meine Kurzkritik dazu hier.

Aus Hamburg ging es am nächsten Tag an die französische Atlantikküste. Ein Freund lud zu einem gemeinsamen Filmabend. Er hatte sich “Le Havre” von Aki Kaurismäki auf Blu-ray gekauft, den wir zu siebt auf einer Großbildleinwand genießen durften. Ein herrlicher Abend. Da ich den Film noch nicht kannte und sehr unterschiedliche Urteile von Kollegen gehört hatte, war ich sehr gespannt auf den Film. Der ewige Nostalgiker Kaurismäki erzählt die berührende Geschichte eines glücklich verheirateten Schuhputzers (André Wilms), der auf ein Flüchtlingskind trifft und dessen Weiterreise nach London ermöglicht. “Le Havre” ist eine Ode an die Freundschaft und die Gemeinschaft: Es ist vielleicht nicht der beste Film des Finnen Kaurismäki aber bestimmt sein menschlichster. Hat mir gut gefallen.

Anstelle des obligatorischen “Tatorts” am Sonntagabend durften sich die Krimifans auf einen hervorragenden Polizeiruf 110 mit dem Titel “Die Gurkenkönigin” freuen. Warum freuen? Weil Ed Herzog (bekannt durch seine kitschigen Heike Makatsch Filme “Almost Heaven”, 2005; “Schwesterherz”, 2006) ein ausgezeichneter Krimi-Regisseur (“Der Fahnder”, “Tatort” – Herz aus Eis) mit Hang zu ausgefeilten Ideen ist und diesmal die wunderbare Sophie Rois die Rolle der Kriminalhauptkommissarin von Imogen Kogge übernahm. Zusammen mit dem immer wieder wunderbaren Horst Krause brilliert Sophie Rois an der Seite von Susanne Lothar, die eine vom Leben frustrierte Spreewald-Gurkenkönigin gibt in einem sehr grotesken, spleenigen und bewußt überzeichneten Krimi mit hohem Unterhalstungsfaktor. Traditionsbewusste Tatort-Fans dürften die Hände vor dem Kopf zusammengeschlagen haben, ich habe mich königlich amüsiert und kann diesen “anderen” Polizeiruf nur wärmstens empfehlen.

Mein Film der Woche ist aber:

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=Y6qy3aZg-Zk[/youtube]

 

Versext, verzaubert und verliebt – Meine Filme vom Wochenende #14 2012

Szenen aus den Filmen Titanic Spieglein Spieglein ShameBevor es schon wieder in eine neue Kinowoche geht, will ich an dieser Stelle (mit etwas Verspätung) schnell noch meine Kritiken zu meinen letzten Filmbesuchen loswerden. Denn diese neuen Filme hatten es in sich. Zusammen mit meiner Frau hatte ich mich sehr auf einen Besuch der Neuauflage von James Camerons “Titanic” gefreut. 15 Jahre nach seinem Mega-Erfolg, brachte Cameron pünktlich zum 100. Jahrestag des wohl bekanntesten Schiffsunglücks der Geschichte seine parallel erzählte Liebesgeschichte zwischen Rose (Kate Winslet) und Jack (Leonardo DiCaprio) erneut auf die Leinwände – aufbereitet in 3D. Während die einen von “Geldschneiderei” (ARD) sprechen, boten mir die (wenigen) Szenen in der neuen Dimension durchaus einen Mehrwert, der den Kauf der (teuren) Eintrittskarte rechtfertigt. “Titanic” ist und bleibt ein Meisterwerk, ein Kunstprodukt, das zur kulturellen Bildung dazu gehört wie ein Besuch des Louvre in Paris. Reingehen! Meine Kurzkritik dazu hier.

Ein ähnlich positives Filmerlebnis hatte ich mir auch von Tarsem Singhs “Spieglein, Spieglein“, der Neu-Interpretation des bekannten “Schneewittchen”-Märchens von den Gebrüdern Grimm, erhofft. Auch, weil ich ein großer Fan des indischen Bildermagiers (“The Cell”, “The Fall”) bin. Doch nach etwa 60 Minuten dieser insgesamt 106 minütigen Märchenstunde stellt sich Ernüchterung ein. Nicht, weil sich Tarsem Singh mit der Interpretation des Märchens zu viel zugemutet hat, sondern weil seine Darstellerinnen Lily Collins (Schneewittchen) und Julia Roberts (Königin) die nötige Dosis Charisma bzw. Boshaftigkeit vermissen lassen. So changiert ihr Spiel ein ums andere Mal zwischen albernem Augenrollen und hektischen Tätigkeiten einer Garderobiere hin und her, insgesamt also viel zu wenig, um das herausragende Setting und die atemberaubenden Kostüme mit Leben zu füllen. Nur etwas für Fans, ein paar Worte dazu hier.

Der neue, erst zweite Beitrag des talentierten Regie-Newcomers Steve McQueen sollte meine Laune wieder aufbessern. Sein Drama “Shame” kam mit einiger Verspätung und reichlich Vorschußlorbeeren nach Münster. “Shame” erzählt die Geschichte eines… halt…, erzählt Steve McQueen eine Geschichte? – Nein, nicht wirklich. Fange ich also noch einmal neu an: In “Shame” geht es um einen überzeugten Single (Michael Fassbender), Mitte dreißig, der unter Sexsucht leidet. Als Brandon, so sein Name, Besuch von seiner (weniger gefestigten) Schwester (Carey Mulligan) bekommt, sieht er sich seiner Freiheit beraubt, entledigt sich seiner Porno-Sammlung, seiner Videos und sonstiger (Sex-)Spielzeuge und sucht sein Heil in weiteren Minuten-Bekanntschaften, für deren Dienste er mal bezahlt, mal nicht. Wer eine Entwicklung, Hintergründe oder vielleicht ein Happy End erwartet hatte, der wurde bitter enttäuscht. Ich wurde es auch. Das Umkreisen einer gestörten Figur an bestimmten Schauplätzen ist mir in einem Film viel zu wenig. Einige nennen das “meisterlich”, ich nenne es prätentiös. Für mich ist “Shame” bisher die größte Enttäuschung des Kino-Frühlings 2012, auch, weil ich das Spielfilmdebüt “Hunger” von Steve McQueen sehr mochte. Auch dazu ein paar kritische Worte hier. Auf in die nächste Kinowoche!

Bösartig, intrigant und kämpferisch – meine Filme vom Wochenende

Szene aus den Filmen Die vierte Macht Haywire und Unser LebenTiere kennen keine Intrigen. Wie angenehm war da die Vorpremiere der sehenswerten BBC Earth Dokumentation “Unser Leben” nach einigen filmischen Enttäuschungen und einer ausgiebig gefeierten Geburtstagsparty mit alten Studenten-Kollegen am Morgen nach der langen Nacht. Aber der Reihe nach. Auf einen Film hatte ich mich besonders gefreut: auf Steven Soderberghs Star-besetzte Agentenhatz “Haywire“. Michael Douglas, Antonio Banderas, Ewan McGregor, allein die Namen versprechen hochkarätiges Unterhaltungskino. Und was passiert? Obwohl die Hauptdarstellerin, Gina Carano, eine Multi-Martial-Arts-Expertin, hübsch anzuschauen ist, ist der Film mit ihr (übrigens noch vor “Contagion” entstanden) nicht mehr als eine lustlos und unmissverständlich verschachtelt inszenierte kleine Fingerübung eines scheinbar ´satten` Regisseurs. Mehr dazu in meiner Kurzkritik.

Dennis Gansel sollte es richten. DER deutsche Regisseur, der mich 2001 mit seinem unterhaltsamen Debüt “Mädchen, Mädchen” überrascht hatte. Aber sein ambitionierter “Die vierte Macht” ist eine Enttäuschung. Moritz Bleibtreu als Journalist in Moskau und als Opfer einer Intrige. Keine Tränen, keine Verletzungen, kein Gewichtsverlust und immer wieder dieses spitzbübische Grinsen. Mit einem Liebesdrama, einem Verschwörungs-Thriller und einem Vater-Sohn-Drama auf den Schultern, dazu auf Englisch inszeniert, musste er in die Knie gehen. Mehr dazu hier.

Blieb also am Ende nur die Tier-Doku “Unser Leben“. Die Collage des Regie-Duos Martha Holmes und Michael Gunton erreicht zwar zu keinem Zeitpunkt die herausragende Qualität der BBC-Dokumentation “Unsere Erde” aus dem Jahr 2007, dazu fehlt es dieser Collage an einem roten Faden und die 3-4minütigen Segmente erinnern zu sehr an ein “Best of” dramatischer Nahrungs- und Nachkommens-Versorgungsmaßnahmen, dennoch sollte man sich zusammen mit den Kindern einen Kinobesuch dieses sehenswerten Films fest in den Familienkalender eintragen. Freikarten gibt es übrigens dazu hier zu gewinnen. Der Film startet am 15. März in den deutschen Kinos.

Mein Filmtipp der Woche:

 

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=pTr_2Muf2YI[/youtube]

 

Zack Snyders Sucker Punch

Szene aus Sucker Punch

Szene aus `Sucker Punch`

Noch während des Abspanns gibt es eine schöne Szene: Der Bösewicht des Films tanzt mit seiner “Ausführungsgehilfin” und singt eine Varieté-Nummer über die Liebe. Was wollte der Regisseur mit dieser Szene sagen? War doch alles nicht so gemeint? Als der Abspann weiter läuft, fängt das Publikum im nahezu vollbesetzten Saal an zu lachen. Doch es lacht nicht aus Begeisterung oder gar aus Bewunderung, es ist abwertendes Lachen, im Zusammenspiel mit Kopfschütteln. Was ist geschehen? Warner Bros. hat in deutschlandweiten Vorführungen vier Tage vor dem Filmstart der Presse den neuen Film von Zack Snyder gezeigt. “Sucker Punch” heißt er. Kurz zusammengefasst, ist diese krude Fantasy-Action-Mixtur die Geschichte der stets sehr knapp berockten Babydoll (Emily Browning), die in einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt Auswege aus ihrem Gefängnis erträumt. In ihren Träumen heckt sie zusammen mit den Insassinnen (auch sehr knapp bekleidet) einen Plan aus, wie sie sich aus den Fängen des bösartigen Aufsehers Blue befreien können.

Abgesehen von der wieder einmal beeindruckenden visuellen Umsetzung (der Regisseur hatte zuvor die Comics bzw. Graphic Novels “300″ und “Watchmen” in sehenswerte Bilder gekleidet) ist Snyders neuester Streich, zu dem er selbst das Drehbuch lieferte, nicht mehr als die Altherrenphantasie eines erst 45-jährigen Filmnerds, der sich kräftig an filmischen Vorbildern wie „Durchgeknallt“ (1999), „Showgirls“ (1995), „Kill Bill I+II“ (2003/2004) und „Inception“ bedient. Der kritischen Filmpresse in Köln hat das nicht geschmeckt. Das Gelächter war noch lange nach dem Abspann nicht verstummt. Dass der Film dennoch ein Kassenschlager wird, daran wird die kurz zuvor informierte Presse sicherlich auch nichts ändern können. Schade ist nur, dass nun auch Warner Bros. Deutschland auf den unbequemen Zug des kurzfristigen Vorab-Screenings für die Presse aufspringt und mit diesem Vorgehen in die bedenkliche Nähe ihres Erfolgsgaranten Til Schweiger rückt, der seine Filme mittlerweile nur noch ausgewählten Journalisten zeigt.