“Der zerbrochene Krug” in einer Inszenierung von Tanja Weidner am WBT in Münster

IMG_6203Theaterfans wissen, Kleists “Der zerbrochene Krug” ist im Kern ein launiger Schwank. Eine miefige Mileustudie, die von Amtsmissbrauch erzählt, mit ihren Schauspielern steht und fällt und längst zu den am häufigsten gespielten Stücken an deutschen Theaterbühnen gehört. Also wie geschaffen für das Ensemble des privaten Wolfgang-Borchert-Theaters in Münster. Seit dem 26. März 2015 taucht das Kleist-Lustspiel nun (endlich) im Programm des (neuen, im Flechtheimspeicher beheimateten) WBT auf. Meinen Respekt, den ich den Verantwortlichen und Darstellern bereits in älteren Kurzkritiken auf diesem Blog entgegenbrachte, sollte bald durch eine weitere Empfehlung neue Nahrung erhalten. Dessen war ich mir lange vor dem Premierenabend sicher.

“Der zerbrochene Krug” ist nicht nur ein launiger Schwank, das Stück ist auch ein Lustspiel für die Prachtkerle unter den deutschen Bühnen-Darstellern. Klaus-Maria Brandauer hat die Hauptrolle des Dorfrichters sowohl am Wiener Burgtheater als auch am Berliner Ensemble viele Jahre (mit) geprägt genauso wie Sven-Eric Bechtolf, Heinz Werner Kraehkamp in Frankfurt oder Emil Jannings in der gleichnamigen Verfilmung von 1937. Nun also Meinhard Zanger. Der Intendant himself. Kahl geschoren, mit täuschend echten Verletzungen an Kopf und Bein (Bühne und Kostüme: Darko Petrovic), schleicht er sich heran. Ganz zu Beginn, im scheuen Licht, an die schöne Nymphe Evchen (Alice Zikeli). Er umtanzt sie, berührt ihr Haar. Eine ungewöhnliche Ouvertüre. Und es kommt besser. Stumm legt der verliebte Trunkenbold alle Kleider ab, während Evchen die Bühne verlässt und die Musik verstummt. Erst mit einem satten Schnarchen auf der Bank eröffnet Zanger das Tagesgeschehen, den anstehenden Gerichtstag, um den es die nächsten gut zwei Stunden ohne Pause gehen wird. Aufgeweckt von einem kräftigem Klapps auf den Allerwertesten von seiner Hausangestellten (Sabrina von der Sielhorst). Wow!

So leidenschaftlich, so lustvoll changierend zwischen zerstreutem Ermittler in eigener Sache und eitlem Dorf-Despoten hat man Meinhard Zanger lange nicht mehr auf der Bühne gesehen. Ein schauspielerischer Parforceritt, der noch flankiert wird durch eine tolle Leistung des kompletten WBT-Ensembles. Jemanden herauszuheben wäre töricht, doch Monika Hess-Zanger als aufgebrachte Wirtin vor der Anklagebank ihres Richters, der im “wahren Leben” ihr Ehemann ist, und der an diesem Abend einen verliebten Dorfrichter in Erklärungsnöten gibt, unter der Regie der Alphatier-erprobten (“Kunst“) Regisseurin Tanja Weidner, dieses Schauspiel ist jedes Geld für eine Eintrittskarte wert. Nicht verpassen!

“Tour of Tours”, Erfolgsfaktor Synergieeffekt

IMG_6072_2Ein Synergieeffekt beschreibt das Zusammenwirken von Faktoren, die eine Synergie ergeben, sich also gegenseitig befeuern. In der Wirtschaft sind Synergieeffekte an der Tagesordnung. Ein Erfolgsmodell. Erfolg brauchen andere Industrien auch. Die Musikindustrie zum Beispiel. Hier fällt einem zum Thema Synergien jedoch nur das Projekt “Night of the Proms” ein. Eine gewachsene Veranstaltung, bei der in verschiedenen Städten stets am Ende eines Jahres Klassik auf Pop trifft? Aber sonst?

Dass “ein Ganzes mehr sein kann als die Summe seiner Teile“, was bereits Aristoteles in der Antike festgestellt hat, entdeckte eine Reihe von Musikern aus Berlin im Jahr 2013 für sich. Vor zwei Jahren holten bei einem gemeinsamen Auftritt die Gruppe “Town of Saints” und der Musiker Honig spontan einige befreundete Musikerkollegen mit auf die Bühne. Unter ihnen: Jonas David, Tim Neuhaus und Ian Fisher. Von ihrer gemeinsames Session in Berlin waren alle Beteiligte so angetan, dass die Idee für eine gemeinsame Tour aufkam. Und selbige bekam schnell einen Namen, man einigte sich auf nicht weniger als “Tour of Tours”.

Ein Projekt, bei dem bis zu zehn Musiker auf der Bühne stehen und sowohl ihre jeweils eigenen als auch gemeinsame Songs zusammen interpretieren. Zum Ende des Jahres 2014 fand der Auftakt der Tour in Köln statt. “Wir haben zusammen in dieser Formation nur drei Tage geprobt. Also, mal schauen, was der Abend so bringt” stimmte Stefan Honig das Publikum in Köln perfekt auf den Abend ein. Honig ist der Kern dieser in Mannschaftsstärke angetretenen Riesenband. Er treibt an, swingt mit, stellt größtenteils die (Solo)Darbietungen seiner Kollegen vor und kann sich auch mal ganz ruhig in den Hintergrund stellen, wenn beispielsweise sein Freund und Kollege Tim Neuhaus eines seiner wunderbaren Songs wie zum Beispiel “As life found you” anstimmt.

Stilistisch reicht die Bandbreite der Darbietungen von Singer/Songwriter-Pop über Country und Boogie bis hin zu Folkpop, man hört mal Turin Brakes, mal Arcade Fire und beim Indieradio-Hit “Golden Circle” von Honig natürlich die Neo-Folk-Pioniere Mumford & Sons. Die Musiker tun sich dabei nicht nur aus rein pragmatischen Gründen zusammen, sie verbindet auch eine gemeinsame Sound-Idee. Das Publikum freut´s. Die Kritiker auch. Sie tituliert die erfolgreiche Tour als “Diese Tour dokumentiert den Stand der Popmusik aus Deutschland anno 2015.”

Auch ich kann den Abend mit bis zu zehn Musikern auf der Bühne nur wärmstens empfehlen. Daten zur “Tour of Tours” findest Du hier. Hingehen!

 

 

Danke, Paps! Danke, Johannes Gertz!

IMG_4777Das Internet vergisst nie. So heißt es. Sämtliche Einträge, die ich gemacht habe (oder in meinem Namen gemacht wurden), Namensnennungen, Auszeichnungen oder Bildveröffentlichungen liegen immer wieder vor. Wenn gewünscht. Von überall. Ich als “digital native” bin damit aufgewachsen. Alles, was im Internet aufgeschrieben, kommentiert oder hochgeladen wurde, es geht nichts verloren. Ein Leben lang. Und darüber hinaus. Erschreckend. Deshalb: “Think before you post!” Vor allem, wenn es sich dabei um Einträge auf Seiten mit grobmaschigen oder nur schwer nachvollziehbaren Datenschutzbestimmungen handelt.

Doch weg von den Zweifeln. Hin zu den Vorteilen. Was ist mit den “anderen”, den “digital immigrants”? Was ist mit denjenigen, die nichts im Internet veröffentlicht oder hinterlassen haben? Was bleibt von Ihnen in der digitalen Zukunft? Ein Fotoalbum? Eine Notiz in der Familienchronik? Oder nur noch die Erwähnung bei einer Erinnerung im Gespräch?

Mein Vater ist heute vor fast genau einem Jahr verstorben. Er war Jahrgang 1934. Der so genannte “weiße Jahrgang“. Zu jung für den Kriegsdienst, zu alt für den späteren Wehrdienst. Keine Einträge in Registern oder Klassenbüchern im späteren Nachkriegsdeutschland. Wäre mein Vater kein Gründer gewesen, also kein Selbständiger sondern Angestellter, blieben bis heute oder morgen von ihm wohl “nur” die Familienphotos, die Erinnerungen oder die Inschrift auf dem Grabstein. Und selbst das wollte er nicht. Eine Generation, die man bald vergessen hat? Um an Personen ohne digitales Leben zu erinnern, gibt es diverse Angebote im Netz, Doolia aus Hannover ist so eines. “Ihre Plattform für liebevolles Erinnern”.

Ich will ein Jahr nach seinem Tod auf diesem Wege an ihn erinnern, an den Firmengründer, den Familienvater, den Geschichtenerzähler und den Abenteurer, den Pfeifenraucher, Segler und Hundenarren. Mein Vater hat unzähligen Menschen geholfen. Sein Leben war alles andere als gradlinig. Aber es ist und wird immer mehr sein als ein Namenseintrag auf einer Plattform für “liebevolles Erinnern”. Du fehlst mir, Paps! Auf diesem Wege bleibst Du zumindest in meinem digitalen Leben an meiner Seite. Danke Dir für Alles!

Das war´s, eBay!

ebay-logo-02Das US-amerikanische Internetauktionshaus dürfte den meisten bekannt sein. Hinter eBay verbirgt sich das kalifornische Unternehmen eBay inc., gegründet im September 1995. Der Umsatz von eBay betrug im Jahr 2014 4,34 Milliarden US-Dollar, Gewinn vor Steuern 653 Millionen US-Dollar. Tendenz steigend. Auch mein Geld ist in diesen über 4 Milliarden US-Dollar enthalten. Denn auch ich habe die Dienstleistungen des Internetauktionshauses und auch dessen Transaktionspartners paypal in Anspruch genommen. Bis heute.

Es ist aber auch zu verlockend: Durch die weltweite Bekanntheit von eBay und die kinderleichte Handhabung beim Kauf und Verkauf von Produkten bzw. bei der Er- und der Versteigerung von Waren wie beispielsweise Kindermöbel, Kleidung oder Hifi-Elektronik konnte man(n) stets davon ausgehen, dass der erzielte Preis bei einer erfolgreichen Er- oder Versteigerung zumindest zur vollen Zufriedenheit ausfiel. Voraussetzung: man(n) hatte sich einigermaßen “marktkonform” verhalten, das heißt, seine Produkte beim Verkauf / bei der Versteigerung ausreichend präsentiert, sprich beschrieben, mit guten Photos und zu attraktiven Zeiten (bei einer Versteigerung) online gestellt. Beim Kauf oder der Ersteigerung eines Produktes profitiert der Käufer von den mittlerweile unzähligen gewerblichen Anbietern auf der Auktionsplattform sowie durchaus auch von den Fehlern, die unerfahrene private Verkäufer/Anbieter (falsche Zeiten bei Auktionsende, unvollständige Beschreibungen des Produktes etc.) machen.

statistic_e-commerce-umsatz-in-deutschland-bis-2014So weit, so praktikabel. Sichtwechsel. Der E-Commerce, sprich der Kauf und Verkauf von Waren und Produkten über das Internet, boomt. Auch in Deutschland. Ein Ende dieser Entwicklung? Nicht abzusehen. Internetauktionshäuser wie eBay profitieren davon. Immer mehr Haushalte sind vernetzt, immer mehr “digital immigrants” (Internet-Anwender ab Jahrgang 1982 und älter) verkaufen ihren Dachbodenfund, das alte Fahrrad oder die Filmkamera übers Internet. Für eBay ein tolles Geschäft. Denn das Einstellen und den Vertrieb regelt der Verkäufer am PC.

Doch wo so viel Geld umgesetzt wird, gibt es meistens auch Trittbrettfahrer. Profiteure, die gerne ein Stück vom Kuchen abhaben wollen. Wenn es schon nicht mit dem selbst erarbeiteten Know-How oder im eigenen beruflichen Fahrwasser funktioniert. Kriminelle oder Rechtsanwaltskanzleien beispielsweise. Das Jahr 2014 war für diese Klientel ein Schlüsseljahr. So hat beispielsweise der BGH in Karlsruhe in einem Urteil entschieden, dass bereits mit dem ersten Mausklick auf einen zu ersteigernden Artikel dieser Artikel als “verkauft” gilt. Im Sinne des Käufers. Fehlerhafte Angaben im Text, zu niedrige Startpreise, falsche Zeitangaben, verloren oder kaputt gegangene Artikel? Pech gehabt. Eingegeben ist eingegeben.

“Firmen” wie Defe-Trade von Dennis Bertram oder Rechtsanwaltskanzleien wie Hoffmeyer in Hannover sind Profiteure dieser kleinen Fehler, Missgeschicke, die immer mal wieder passieren können. Ich kann ein Lied davon singen. Bei Rücknahmen von Angeboten durch fehlerhafte Angaben und/oder defekte Ware hagelt es Abmahnungen. Beispiele oder ähnliche Fälle gibt es reichlich. Und die Abmahner bekommen ihr Recht. Mit Recht? Nach einem “verschollenen” Smartphone, verloren gegangen auf dem (DHL-)Versandweg, sowie einem zerstörten Produkt, auf das schon geboten wurde, und das ich zurückziehen musste, bekam ich eine Abmahnung.

Kein Einzelfall. Somit hat für mich die Internetauktionsplattform eBay als verantwortlicher Dienstleister mein Vertrauen verloren. Bei eBay gibt es für derlei Fälle nur wenig Schutz. Und die nächste Abmahnung bei zurückgezogenen Angeboten (durch Zerstörung oder eine fehlerhafte Eingabe) wartet schon. Viele Rechtsanwaltskanzleien freuen sich auf deinen nächsten Fehler. Und die Schwelle wird immer niedriger. Das war´s für mich, eBay! Auch bei deinen Kleinanzeigen übrigens!

Warum ich nicht über die Elternzeit gebloggt habe

Geteiltes Mutterglück. Kerstin Beer in der "c´t" (04/2013)

Geteiltes Mutterglück. Kerstin Beer in der “c´t” (04/2013)

Unser erstes Kind, ein Sohn, ich nenne ihn hier mal “Max”, kommt am 21. April 2012 zur Welt. Meine Frau ist Lehrerin, ich arbeite als freiberuflicher Journalist, Berater und Dozent. Da wir beide aus “klassischen” Familienverhältnissen kommen, also Vater Hautpversorger, Mutter Hausfrau, wurde das Partnerschaftsmodell bereits lange vor der Geburt neu ausgehandelt. Denn recht früh war für uns klar, dass wir beide vor allem in den ersten Jahren viel mehr Zeit mit unserem Sohn verbringen wollten bzw. sollten als unser jeweiliger Vater mit uns. Sprich von null auf mindestens fünfzig Prozent. Die ersten zwölf Monate hat meine Frau unser kleines Zuhause mit unserem Sohn beansprucht, die nächsten vier Monate bis zur Tagesmutter wollte ich bei meinem Sohn sein. Eine tolle Vorstellung. Und warum diese Zeit nicht gleich mit einem Blog begleiten? Das machen andere doch auch? Doch dann kam alles ganz anders…

Bereits vor der Geburt unseres Kindes habe ich zahlreiche Blogs an-/gelesen und mich auf Ratgeber-Seiten getummelt. Etliche Bücher und Ratgeber, die man noch in den Händen halten kann, füllten unsere Regale. Das kennen viele andere Eltern wohl auch. Doch dann diese Fragen: Wo haben die nur alle die Zeit für´s “Nebenherschreiben” her? Schreiben in den Schlafpausen? Oder noch am Abend nach dem Zu-Bett-bringen? Stets gab es zudem dieses Unbehagen. Was ist, wenn mein Sohn lesen kann? Wenn er erst in der Schule ist und von seinen Freunden und/oder Mitschülern auf die Erlebnisse und Eindrücke seines Vaters angesprochen wird? Das Internet vergisst nie! Diese Worte kamen mir immer wieder in den Sinn.

Schlafentzug, volle Windeleimer oder die ersten Schritte als Foto-Story für die Öffentlichkeit? Klingt furchtbar. Das wollte ich mir, meinem Sohn und meinem Facebook-Profil sowie vor allem meinen Freunden nicht antun. Den letzten Kick gab dann ein sehr lesenswertes Editorial von einer Redakteurin der geschätzten “c´t” aus Hannover (siehe Bild oben). Ihre Worte setzten ein Stopp-Schild vor meine “Blog-Pläne”. Eine gute Entscheidung. Keine Präsentation von unschuldigen Online-Opfern, die sich nicht wehren können. Und ich bin bis heute froh über jede Frage, über jedes Staunen, über jede Hilfestellung aus dem Freundeskreis, das bzw. die nicht schon im Vorfeld über einen Blog abgearbeitet wurde. Und mein Sohn wird es mir danken. Da bin ich mir sicher!