Filmkritik „Juliet, naked“ von Jesse Peretz

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Plakat zum Film Juleiet naked mit den drei Protagonisten.
Plakat zum Film „Juliet, naked“ (c) 2018 Prokino Filmverleih.
Wenn der November den Oktober ablöst, folgt bei den Cineasten der so genannte „Lovember“ auf den „Horrorctober“. Mit anderen Worten: Nach dem (Halloween-)Grusel ist nun Zeit für Liebe und Romantik. Grund genug, an dieser Stelle einen Film zu empfehlen, der dieser Vorlage gerecht wird: „Juliet, naked“ von Jesse Peretz. Der US-Amerikaner Jesse Peretz, der nach seinem dritten Spielfilm „Fast Track“ (Deutscher Titel: „Dein Ex – Mein Albtraum“, 2006) ins TV-Fach wechselte (u.a. „New Girl“, „Girls“), bekam von den erfolgreichen Produzenten Judd Apatow und Albert Berger den Auftrag, die Verfilmung des gleichnamigen 2009er Nick Hornby-Romans zu übernehmen. Eine Aufgabe, die der US-Amerikaner ganz hervorragend bewältigte; auch Dank der überzeugenden Leistungen seiner beiden Hauptdarsteller Rose Byrne und Ethan Hawke.

Wie so oft in einem Nick Hornby Roman steht auch in „Juliet, naked“ die Musik im Vordergrund. Oder vielmehr die Liebe zur Musik. Mit losen Bezügen zu den Beatles und ihrem (akustischen) „Let it be … Naked„-Album (2003) geht es auch bei Hornby um den Fortgang eines Albums. Und zwar kreist die Geschichte um das „Juliet“-Album eines amerikanischen Singer/Songwriters namens Tucker Crowe. Dieser ist jedoch seit über zwanzig Jahren abgetaucht und hat seitdem kein künstlerisches Lebenszeichen mehr von sich gegeben. Als plötzlich „Juliet, naked“, die akustische Version von Crowes letztem Album erscheint, ist nicht nur die kleine Tucker-Crowe-Fangemeinde aus dem Häuschen – allen voran der britische College-Lehrer und Vorsitzende des Tucker-Crowe Fanclubs Duncan Thomson (Chris O´Dowd).

Die Post mit der persönlich an ihn adressierten CD in den Händen haltend, kann der Mittvierziger Duncan, der mit seiner Freundin Annie an der englischen Ostküste lebt, sein Glück kaum fassen. Noch in derselben Nacht veröffentlich er auf einem Fanportal eine begeisternde Rezension, in der er das Album über den grünen Klee lobt. Eine Lobhudelei, mit der seine Freundin Annie jedoch so gar nicht einverstanden ist. So dass sie kurzerhand selbst eine eigene Rezension ins Netz stellt. Mit schwerwiegenden Folgen für alle Beteiligte. Zum einen stürzt dieser Vorgang Duncan und Annie in eine schwere Beziehungskrise, zum anderen ist es Annie, die kurz darauf eine Nachricht von Tucker Crowe himself erhält. Und zwar mit den Worten: „Bingo, ich hätte es nicht besser formulieren können. Ich fand die Kritik echt gut.

Nick Hornby-Fans dürfte klar sein, dass sich aus diesem Ereignis eine romantische Geschichte entwickeln MUSS. Und zwar eine Geschichte, die einmal mehr um die typischen Hornby-Ingredienzien wie der Unfähigkeit, erwachsen zu werden sowie der Leidenschaft (zur Musik), die erneut große Leiden schafft, kreisen. Auch „Juliet, naked“ besteht aus genau den Elementen, mit denen der Brite sich nach „Fever Pitch„, „High Fidelity“ und Co. seine große Fangemeinde erschrieben hat. Und Jesse Peretz tat gut daran, einmal mehr nicht das Nerdtum wie in vielen anderen Hornby-Verfilmungen in den Vordergrund zu stellen sondern die Unzulänglichkeiten, die damit einhergehen. Wie zum Beispiel die zwischenmenschliche Beziehung zwischen Fan und Frau/Mann. Hier wird diese Konfrontation aus dem Blickwinkel von Duncans Freundin Annie mit großer Leidensfähigkeit beäugt.

Szene aus dem Film Juliet naked mit Rose Byrne und Ethan Hawke.
Szene aus „Juliet naked“ mit Rose Byrne und Ethan Hawke, (c) 2018 Prokino.
An der Seite von Annie, die von der Australierin Rose Byrne wunderbar zwischen Mauerblümchen und selbstbestimmter Kuratorin mit Kinderwunsch verortet wird, wickelt der Zuschauer eine Beziehung ab, die kein Zweifel an ihrem Scheitern zulässt. Umso erfreulicher und damit auch unterhaltsamer ist es, als die 39-jährige Annie plötzlich auf einen amerikanischen Ex-Musiker trifft, der das größte Idol ihres Freundes ist – und der selbst fünf Kinder von vier verschiedenen Frauen hat. Der erste Austausch im Chat, die zahlreichen Unzulänglichkeiten, die sich aus der ersten Begegnung ergeben sowie die Probleme der Mittvierziger zwischen Jugendwahn und Verantwortung sind es dann am Ende, die den Roman und damit den Film „Juliet, naked“ so außergewöhnlich machen. Peretz verzichtet in diesen Szenen auf das ganz große Besteck, auf die große Inszenierung sowie den obligatorisch kitschigen Klangteppich. Richtig so, denn er kann sich ganz auf die subtile Art, wie Hornby immer wieder das Tragische mit dem Komischen verbindet als auch auf seine Darsteller, allen voran Rose Byrne und Ethan Hawke (als famos ewig-jugendlicher Träumer) verlassen. Ihnen allen möchte man eine großartige Zukunft wünschen, miteinander oder getrennt voneinander.