Leben ohne Fernseher (1) – Die erste Woche

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TV-Bank durchgestrichen zum Thema TV-VerzichtWar es eine blöde Idee? Verzicht tut weh. Das weiß jeder. Mit diesen Worten lässt sich vielleicht die Erfahrung aus der ersten Woche ohne Fernseher zusammenfassen. OK, ich habe jetzt mehr Zeit. Ich recherchiere. „Ein bewusster Verzicht auf mancherlei Dinge und Gewohnheiten schmälert nicht das Lebensglück, es schafft im Gegenteil neue Freiräume und Kreativität, was am Ende befriedigender ist als die Hetze im Hamsterrad der Immer-mehr-Ideologie“ ist in einem Ratgeber zum Thema „Verzicht üben“ zu lesen. Wie gut, dass in diesem Ratgeber „was am Ende befriedigender ist“ steht. Denn, bleiben wir ehrlich, jeder Verzicht tut erst einmal richtig weh. Das Vakuum, das zunächst entsteht, ist wie eine Wunde. Eine Wunde, die bei uns im Hause Gertz, wenn es um den Fernsehkonsum geht, zwar nicht allzu tief ist. Der Fernseher lief bei uns maximal 10 Stunden in der Woche (zum Vergleich: der Fernsehkonsum in D beträgt im Schnitt 223 Minuten – pro Tag!) Aber der geliebte Tatort am Sonntagabend (inklusive der Diskussion im Netz auf dem 2. Screen, Stichwort „Social Screening“) oder meine geliebte Kultursendung wurden damit in das Reich der Wünsche verabschiedet. Jetzt blicke ich auf eine weiße Schrankwand. Oder gehe am Abend mal wieder in´s Theater. Was hat die Menschheit nur den ganzen Abend gemacht, als es jahrelang nur drei Programme gab und auf allen dreien nichts Vernünftiges lief? Es können doch nicht alle Menschen auf eine Schrankwand geblickt haben oder ins Theater gegangen sein?

Wer jetzt denkt, „wie un-kreativ ist DAS denn“ (Theater, Schrankwand), den würde ich gerne einmal überraschen, am ersten Abend wenn er/sie auf eine langjährige Gewohnheit verzichtet. Für den zweiten Abend beschließe ich (mein Frau ist bei den Eltern; nicht wegen ihres großen Fernsehers) die Wunde nicht zu sehr bluten zu lassen und fülle das entstandene Vakuum mit der Aufzeichnung des „Tatorts“ aus der Online-Mediathek. Anschließend gibt es noch die Kultursendung hinterher. Auf meinem Laptop. In der Größe 800×600 Pixel. Nein, das kann es nicht sein. Der Übergang soll doch bitte nicht zu sehr schmerzen. Noch am selben Abend werden sämtliche Kultursendungen und die Lieblingsserie meiner Frau bei einer Online-Videothek angekreuzt, sprich zur Aufnahme vorbereitet. Der Schmerz wird gelindert. Am dritten Abend ist meine Frau zurück, wir genießen die lange Unterhaltung nachdem unser Sohn im Bett ist. Am vierten Abend stöbern wir noch länger als sonst in der Wochenzeitung, am fünften Abend reservieren wir einen Tisch bei unserem Lieblingsitaliener.

Tagsüber muss ich über die Diskussionen rund um das Thema „Qualität im deutschen Fernsehen“ schmunzeln. Wie beispielsweise über den Shitstorm zur geplanten RTL2-Serie „Who wants to fuck my girlfriend“ oder über den New York Times Artikel zur deutschen Fernsehshow „Wetten dass…?“. Das alles tangiert mich/uns nun nicht mehr. Dennoch schmerzt die Wunde immer noch. Aber von Tag zu Tag ein bisschen weniger. To be continued…

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