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Ein Cineast in Zeiten von Corona

Autokino mit Autos und Leinwand in Hückelhoven

Das Kino ist für mich mehr als „nur“ ein Ort. Das Kino ist ein zweites Zuhause. Eine Begegnungsstätte. Ein Ort, an dem Träume wahr werden. Und nun sind die Kinos geschlossen. Wer weiß für wie lange. Aber das ist noch nicht alles: Alle Dreharbeiten sämtlicher Produktionen sind gestoppt, die Premieren großer Blockbuster und vieler kleiner Filmperlen wurden auf Herbst oder Winter verschoben. Mindestens. In Hollywood stehen die Kameras auf Pause. Auch hier: Wer weiß für wie lange. Entlassungswellen und Rezession drohen. Als allererstes betrifft dies wohl die Kulturbranche. Was bedeutet diese Situation für das Kino, für die Kinofans, für uns und für die Kinobetreiber?

„Es wird Schließungen geben“

Vor allem für kleinere Häuser hat die Corona-Pandemie massive Folgen. Fakt ist, ein Virus stürzt vor allem die Film- und Fernsehproduktion, die Betreiber der Lichtspielhäuser und Verantwortlichen der Produktionsgesellschaften in eine nie dagewesene Ausnahmesituation. „Ich denke, dass es eine Pleitewelle mit einigen Schließungen geben wird„, mutmaßt beispielsweise Michael Rösch, Geschäftsführer von Kinostar, die zahlreiche Kinos in Deutschland betreiben. „So eine Lage gab es seit Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr.“ Das klingt nach Endzeitstimmung, nach Abgesang.

Chronologie der Abgesänge

Foto von Rainer Sturm Kinosaal und roter Vorhang.
Kinosaal und Vorhang, Foto von Rainer Sturm (c) Pixelio.de
Hatten wir das nicht schon einmal? Den Abgesang des Kinos? Ja. Öfter. Wenn es eine Einrichtung gibt, die immer mal wieder totgesagt wird, dann ist es das Kino. Das Kino – das Steh-auf-Männchen der Kulturindustrie? Das Kino wurde erfunden, und schon hieß es: Das Kino hat keine Zukunft. Der Tonfilm kam auf, und es hieß: Das Kino hat keine Zukunft. Das Fernsehen begann seinen Siegeszug, und es hieß: Das Kino hat keine Zukunft. Videorecorder fanden Verbreitung, und es hieß: Das Kino hat keine Zukunft. Nach den Terroranschlägen 9/11 hieß es: Nie mehr Action im Kino. Nun sind neue Techniken auf dem Markt, Video-on-demand, und es heißt: Das Kino hat keine Zukunft.

Punktsieg der Streaming-Plattformen?

Klar, dass die Menschen während der Corona-Krise mehr Zuhause sind. Das spielt jetzt den Video-on-demand Diensten, den Streamingplattformen in die Karten. Ein Punktsieg also für die Konkurrenz, wie Netflix, Amazon Prime und Co.. „Vielleicht ein kurzfristiger Punktsieg. Streamingplattformen generieren jetzt mehr Abos und Umsatz„, so Michael Rösch von Kinostar weiter. Nur ein Punktsieg? Oder doch ein K.O.-Schlag? – Nein, wer jetzt jammert, das Kino ist tot oder habe keine Zukunft, muss sich zweierlei fragen. Erstens, was das Kino eigentlich ist und warum es bewahrt werden muss. Und zweitens, was am Kino zu verbessern wäre und warum das trotzdem nicht passieren wird oder soll.

Bleibt das Gemeinschaftserlebnis

Michael Althen, der viel zu früh verstorbene Filmkritiker, den ich sehr schätz sagt dazu: „Kino ist…? Mit schönen Frauen schöne Dinge tun, wie Truffaut sagt. Der Welt eine Vorstellung unterschieben, die mit unseren Wünschen übereinstimmt, wie Bazin sagt. Ja – aber zuerst einmal heißt Kino, dass man das Haus verlassen muss, ´sich´ dann in einen dunklen Saal begibt, die Welt und ihre Möglichkeiten mit anderen Augen sieht und dann darüber redet oder schweigt.“ Warum Fernsehen keinen Ersatz darstellt, wenn „außer Haus“ zur Zeit keine Option ist? Weil im Kino das Bild und der Ton in den meisten Fällen besser sind. Und weil das Erlebnis direkter, gewaltiger ist. Weil man neugierig ist auf die neuen Filme. Und die Spannung gemeinsam teilt. Weil man ausgehen möchte. Zusammen. Was wäre, wenn man die neuen Filme auch zum Start zu Hause sehen könnte, mit noch besserem Bild und Ton – was beim Zustand der meisten Kinos nicht schwierig wäre? Bleibt das Gemeinschaftserlebnis, das es zu bewahren gälte.

Alternative Auto-Kino

Luftaufnahme Autokino Hückelhoven, Wikipedia 2020
Autokino Hückelhoven, (c) Wikipedia, April 2020
Das Kino hat also wieder einmal keine Zukunft. Ja, es mag unvollkommen sein, aber der Mensch ist es auch. Und solange das Kino davon zu erzählen versteht, solange hat es auch Zuschauer. Und wenn man Glück hat, dann trifft man dort die Frau seines Lebens. Noch ist dies bald wieder möglich. Vielleicht erst einmal im Autokino. Geschützt hinter Metall und Glas – vor Corona. Popcorn und Gemeinschaftserlebnis inklusive. Auch in Münster. Zuhause habe ich dies nicht. Lasst uns für das Kino kämpfen! Wir werden NICHT die Generation sein, die das Kino zu Grabe trägt. Totgesagte leben bekanntlich länger! Wir sehen uns bald wieder – nach der Erholungspause – natürlich im Kino.

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