Filmkritik „Der andere Liebhaber“

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Filmplakat zum Film "Der andere Liebhaber"
Plakat zum Film „Der andere Liebhaber“ (Weltkino Filmverleih)
Erotik hat in erster Linie etwas mit Vertrauen zu tun. Was gebe ich preis? Was erfahre ich über meinen Partner/meine Partnerin? Auf die Fragen nach dem Vertrauen und nach der Intimität, die infolge dessen in Gefahr sind, darauf hat der französische Regisseur Francois Ozon bereits so oft die richtigen Antworten gefunden. Und rund um diese Fragestellung nicht zuletzt auch die passenden, ganz eigenen Geschichten („8 Frauen“, „Swimming Pool“, „Jung & Schön“) erzählt. Da verwundert seine Wahl auf diesen Stoff doch sehr. Denn eigentlich neuer Herausforderungen nimmer müde, muss dem Franzosen kurz vor seinem 50ten Geburtstag der Roman „Der Andere“ (Lives of the Twins, 1987) von Joyce Carol Oates schon sehr gefallen haben. In diesem geht es um eine junge Frau, die in die Falle eines Zwillingsbrüderpaares tappt. Kein unbekannter Stoff in der Filmhistorie. Doch Ozon muss diese Geschichte so sehr angefixt haben, dass er eine Ausnahme von seiner Regel macht: Erzähle immer eine Geschichte, die es so in der Form noch nicht gegegeben hat.

Nein, die Anleihen an David Cronenbergs „Die Unzertrennlichen“ (1988) und Brian de Palmas Spiegel-Spielereien in „Mein Bruder Kain“ (1992) sind in „L´amant double“, wie der Film im Original heißt, unverkennbar. Verwunderlich, dass Ozon nur ein Jahr nach seinem wunderbaren s/w-Drama „Frantz“ einen Verwechslungs-Thriller im Stile von Cronenberg und De Palma inszenierte, obwohl sein Ouvre immer wieder zu erkennen gibt, dass die Einzigartigkeit seiner Filme ein hohes Gut bei ihm ist. Ob es an seiner schönen Hauptdarstellerin Marine Vacth liegt, mit der er bereits in „Jung & Schön“ zusammenarbeitete?

Szene aus "Der andere Liebhaber"
Szene aus „Der andere Liebhaber“
Ozon hat das Buch für seine Hauptdarstellerin entdeckt, machte sie zum Mittelpunkt der Geschichte und lässt über 100 Minuten nicht von ihr ab. Und mehr noch, er dringt nicht nur sprichwörtlich in seine französische Hauptdarstellerin ein. So offenherzig, wie er noch nie eine Frau zur Schau gestellt hat. Das kann man voyeuristisch nennen, gleich beginnend mit der ersten Szene, oder befreiend, wie in der zweiten, als das Gesicht von Chloé (Marine Vacth) hinter einem Vorhang aus Haaren erscheint. In einem wichtigen weiblichen Akt wird sie diese los, sie will sich befreien, von ihrem alten Leben und vielleicht von noch so viel mehr. Auch von ihren Bauchschmerzen, die sie seit langer Zeit plagen. Weil kein Arzt letztere kurieren kann, begibt sich das Ex-Model in psychiatrische Behandlung. Und findet in dem sensiblen Psychotherapeuten Paul (Jérémie Renier) schnell einen aufmerksamen Zuhörer.

Nach einigen Sitzungen geht es Chloé besser. Sie beginnt, mit dem schüchternen Therapeuten zu flirten. Als auch Paul Gefühle für seine Patientin entwickelt, ist er professionell genug, die Behandlung abzubrechen. In der nächsten Einstellung wird erkennbar, dass aus dem ungleichen Paar ein Liebespaar geworden ist, inklusive gemeinsamer Wohnung. Alles ist bester Ordnung, könnte man meinen. Doch nicht nur die Musik von Ozons-Stamm-Komponisten Philippe Rombi sendet andere Signale. Auch Chloé findet durch einen Zufall heraus, dass ihr Paul etwas verschweigt. Zum Beispiel seinen Zwillingsbruder, den sie zufällig auf der Straße gesehen hatte. Chloé wird nach und nach misstrauischer, sie macht den Zwillingsbruder, der ihrem Paul bis auf die Frisur ähnelt und zudem auch Therapeut ist, ausfindig.

Und mehr noch: Chloé begibt sich bei dem erfolgreichen Therapeuten Louis Delord in Behandlung. Dieser trägt jedoch nicht nur einen anderen Nachnamen, sondern ist zudem das diametrale Gegenstück zu seinem Zwillingsbruder Paul: arrogant, selbstgefällig, zynisch und besitzergreifend. Chloé, zunächst angwidert, kann der herrischen Art ihres neuen Therapeuten kaum widerstehen. Sie beginnt eine Affäre mit ihm, die sich sehr schnell als sehr gefährlich entpuppt.

Szene aus dem Film "Der andere Liebhaber"Welches Spiel wird hier gespielt? Sind Paul und Louis zwei verschiedene Personen? Oder sind es gar Chloés Spiegelungen von ein und derselben Person? Wie sehr hat ihr erotisches Verlangen mit diesen Spiegelungen zu tun? Formal kommt Ozon diesem Spiel mit dem Zuschauer / der Zuschauerin mit zahlreichen Splitscreens, Montageeffekten und .. na klar, Spiegelungen entgegen. Ozons (neuer) Kameramann Manuel Dacosse („Axolotl Overkill“) scheint sehr damit beschäftigt gewesen zu sein, seine Kamera in den unzähligen, verspiegelten Räumen zu verstecken/verhüllen, wie seine Hauptdarstellerin damit beschäftigt war, ihre Offenheit zur Schau zu stellen.

Beides ist nicht neu. Und auch Ozon kann mit seinen unzähligen Kameraspielereien, Story-Twists und der Offenherzigkeit seiner Darsteller dem angestaubten „Erotik-Thriller“ keine neuen Impulse verleihen. Und obwohl in der Gegenwart verortet, fühlt sich „Der andere Liebhaber“ zudem wie ein Film aus den 90er Jahren an. Aber bis zur erwartbar wenig eruptiven Auflösung hat man sich als Zuschauer/in über 100 Minuten so sehr in das Spiel von Doppeldeutungen und Spiegelungen hineinziehen lassen, dass man Ozon die zahlreichen De Palma und Cronenberg-Verweise gerne verzeiht. Nach seinem vergleichsweise stringent erzählten Vorgänger „Frantz“ eine schöne, spielerische Ablenkung.

 

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